0

Die 1-Prozent-Lösung

Mehr als eine Milliarde Menschen müssen heutzutage mit weniger als dem auskommen, was in ihrem eigenen Land die gleichwertige Kaufkraft dessen besitzt, was man in den USA für einen US-Dollar kaufen kann. Im Jahr 2000 spendeten Amerikaner private Mittel für Auslandshilfe verschiedenster Art in Höhe von insgesamt etwa 4 Dollar pro Person, oder ungefähr 20 Dollar pro Familie. Über ihre Regierung kamen weitere 10 Dollar pro Person oder 50 Dollar pro Familie hinzu. Das sind also insgesamt 70 Dollar pro Familie.

Im Vergleich dazu, erhielt das amerikanische Rote Kreuz nach der Zerstörung des World Trade Centers so viel Geld, dass es jegliche Versuche aufgab, zu überprüfen wie viel Hilfe potentielle Empfänger brauchen würden. Es zog eine Linie durch Lower Manhattan und bot allen, die unterhalb dieser Linie wohnen, den Gegenwert von drei Monatsmieten (oder, falls sie Besitzer einer Eigentumswohnung waren, drei Monate Hypotheken- und Instandhaltungszahlungen). Gaben Empfänger an, von der Zerstörung der Twin Towers betroffen gewesen zu sein, erhielten sie außerdem Geld für Lebensmittel und Versorgungsaufwendungen wie Strom, Gas und Wasser.

Chicago Pollution

Climate Change in the Trumpocene Age

Bo Lidegaard argues that the US president-elect’s ability to derail global progress toward a green economy is more limited than many believe.

Die meisten der Anwohner unterhalb der Linie sind nicht umgesiedelt oder evakuiert worden, dennoch wurde ihnen Beihilfe für Hypotheken oder Mieten angeboten. Freiwillige Rotkreuzhelfer stellten in den Lobbies teurer Apartmentgebäude, in denen Analysten, Anwälte und Rockstars wohnen, provisorische Tische auf, um die Anwohner über das Angebot zu informieren. Je höher die Mieten der Bewohner, desto mehr Geld bekamen sie. New Yorker, die am 11. September 2001 in Lower Manhattan wohnten, ob wohlhabend oder nicht, konnten durchschnittlich 5,300 Dollar pro Familie bekommen.

Der Unterschied zwischen 70 und 5,300 Dollar kann als stichhaltiger Hinweis auf das relative Gewicht dienen, das Amerikaner den Interessen ihrer Mitbürger im Vergleich zu denen der Menschen anderswo beimessen. Doch der Unterschied wird nach wie vor unterschätzt, denn die Amerikaner, die das Geld bekamen, brauchten es im allgemeinen weniger als die Ärmsten der Welt.

Auf dem UN-Milleniumsgipfel verpflichtete sich die Weltgemeinschaft einer Reihe von Zielen; den Anteil der Armen der Weltbevölkerung bis zum Jahre 2015 zu halbieren, war eines der herausragenden. Die Weltbank schätzte die Kosten für das Erreichen dieser Ziele auf zusätzliche 40-60 Milliarden Dollar pro Jahr. Bis jetzt ist dieses Geld noch nicht zur Verfügung gestellt worden.

Obwohl die Milleniums-Zielsetzungen als "ambitioniert" bezeichnet werden, sind sie bescheiden, denn um die Anzahl der in Armut lebenden zu halbieren, muss man nur -über einen Zeitraum von 15 Jahren- die Hälfte der ärmsten Menschen der Welt erreichen, die besser dran sind, und sie etwas über die Armutsgrenze hieven. Theoretisch würde dies die 500 Millionen in Armut lebenden Menschen, die am schlimmsten dran sind, in der äußersten Armut belassen, die sie jetzt durchmachen. Hinzukommt, dass während jedes Tages dieser 15 Jahre, Tausende von Kindern durch armutsbedingte Ursachen sterben werden.

Wie viel wäre pro Person nötig, um die notwendigen 40-60 Milliarden Dollar aufzubringen? In den Industrieländern leben etwa 900 Millionen Menschen, 600 Millionen von ihnen Erwachsene. Eine Spende in Höhe von 100 Dollar, pro Erwachsenem, pro Jahr, für die nächsten 15 Jahre, könnte die Milleniums-Ziele erreichen. Für jemanden, der 27,500 Dollar pro Jahr verdient, dem Durchschnittsgehalt in den Industrieländern, ist dies weniger als 0,4% des jährlichen Einkommens, oder weniger als 1 Cent pro zwei verdienten Dollar.

Natürlich haben nicht alle Einwohner reicher Länder Geld übrig, nachdem sie ihre Grundbedürfnisse erfüllt haben. Es gibt jedoch Hunderte von Millionen reicher Leute, die in armen Ländern leben, und auch sie könnten etwas geben. Demnach könnten wir dafür eintreten, dass jeder, der Einnahmen übrig hat, nachdem die Grundbedürfnisse der Familie abgedeckt sind, ein Minimum von 0,4% des Einkommens an Organisationen abgeben sollte, die den Ärmsten der Welt helfen. Das würde wahrscheinlich genügen, um die Milleniums-Ziele zu erfüllen.

Eine sinnvollere symbolische Zahl als 0,4% wäre 1%. Zusätzlich zu den existierenden Regierungshilfen (die in jedem Land der Welt außer Dänemark weniger als 1% des BSP ausmachen und in den USA nur 0,1%) würde dies vermutlich dem näher kommen, was notwendig ist, um die Armut weltweit zu beseitigen anstatt sie zu halbieren.

Wir neigen dazu, Wohltätigkeit als etwas zu begreifen, das "moralisch freiwillig" geschieht - gut, wenn man es macht, aber nicht falsch, wenn man es unterlässt. Solange man nicht mordet, verstümmelt, stiehlt, betrügt u.s.w., kann man ein moralisch aufrechter Bürger sein, auch wenn man verschwenderisch ausgibt und nichts für wohltätige Zwecke spendet. Doch diejenigen, die genug haben, um Luxusgüter zu kaufen, aber nicht einmal einen winzigen Bruchteil ihres Einkommens mit den Armen teilen, müssen teilweise Verantwortung für das Sterben übernehmen, das sie hätten verhindern können. Wenn man nicht einmal dem minimalen Richtwert von 1 % gerecht wird, sollte dies als moralisch falsch gelten.

Fake news or real views Learn More

Ein jeder, der über seine moralischen Verpflichtungen nachdenkt wird zu Recht zu dem Entschluss gelangen, dass er mehr tun sollte - da unabhängig davon, was wir tun, nicht jeder nicht einmal 1% geben wird. Ich habe mich in der Vergangenheit dafür ausgesprochen, dass weitaus größere Summen gespendet werden sollten. Wenn wir unsere Maßstäbe auf eine Art und Weise ändern wollen, die eine realistische Aussicht auf Erfolg hat und uns darauf konzentrieren, was wir von jedem erwarten können, spricht einiges dafür, eine Spende in Höhe von 1% des jährlichen Einkommens festzulegen. Es ist das absolute Minimum, das man zahlen muss, um die Armut der Welt zu überwinden und um ein moralisch aufrechtes Leben zu führen.

Es erfordert keine moralischen Heldentaten, diesen Betrag zu spenden. Ihn nicht zu spenden beweist Gleichgültigkeit gegenüber dem Fortbestand äußerster Armut und vermeidbaren, armutsbedingten Todesfällen.