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Die erste Amtszeit der Obama-Doktrin

ASPEN – Meinungsumfragen in den Vereinigten Staaten deuten auf ein knappes Ergebnis der Präsidentenwahlen im November hin. Während Präsident Barack Obama im Bereich Außenpolitik vor seinem republikanischen Herausforderer Mitt Romney liegt, begünstigen das langsame Wirtschaftswachstum und die hohe Arbeitslosenrate – Themen, die bei US-Wahlen eine viel größere Rolle spielen – den Kandidaten Romney. Und selbst im außenpolitischen Bereich monieren Kritiker Obamas, dass es diesem nicht gelungen sei, jene Umgestaltungsinitiativen umzusetzen, die er vor vier Jahren versprach. Haben sie damit recht? 

Obama kam zu einem Zeitpunkt an die Macht, als sich die USA und die Weltwirtschaft mitten in der schlimmsten Finanzkrise seit der Großen Depression befanden. Tatsächlich teilten einige von Obamas Wirtschaftsberatern dem Präsidenten mit, dass man mit einer Wahrscheinlichkeit von 33 Prozent in eine ausgeprägte Depression schlittern würde, wenn nicht umgehend Maßnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft ergriffen würden.

Obwohl Obama auch noch zwei laufende Kriege, Bedrohungen durch atomare Weiterverbreitung aus dem Iran und Nordkorea sowie das anhaltende Problem des Al-Kaida-Terrorismus erbte, widmete er sich in den ersten Monaten seiner Präsidentschaft daher der Wirtschaftskrise im eigenen Land und auf internationaler Ebene. Seine diesbezüglichen Bestrebungen erwiesen sich nicht als voller Erfolg, aber es gelang ihm, das Schlimmste abzuwenden.

Obamas Rhetorik während des Wahlkampfs 2008 und in den ersten Monaten seiner Präsidentschaft war inspirierend im Stil und voll Umgestaltungswillen in der Zielsetzung. Während seines ersten Jahres im Amt hielt er eine Rede in Prag, in der er das Ziel einer atomfreien Welt festlegte; eine Rede in Kairo, in der er einen neuen Zugang zur muslimischen Welt in Aussicht stellte; und seine Nobelpreisrede, in der er versprach er, den „Lauf der Geschichte in Richtung Gerechtigkeit zu lenken.“