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Die neuen Weltbürger

Mit dem Fortschreiten der Globalisierung scheint sich – u.a. aufgrund immer schnellerer Kommunikation, schnellerer Fortbewegungsmittel und mächtigerer multinationaler Konzerne – eine neue, kosmopolitische Gesellschaftsklasse herauszubilden. Diese Weltbürger entwickeln Loyalitätsgefühle zueinander, die nationale Grenzen überschreiten.

Vor ein paar Tagen war ich bei einem Abendessen mit Yale World Fellows, einer sorgsam ausgewählten Gruppe von Akademikern aus allen bedeutenden Ländern der Welt, die hier in Yale ein Auslandssemester verbringen. Es war eine ungewöhnliche Erfahrung, denn sie weckte in mir das Gefühl, dass keiner dieser Menschen mir wirklich fremd war. Es schien mir, dass es vermutlich leichter wäre, sich mit ihnen zu unterhalten, als mit den einheimischen Amerikanern, die uns das Essen servierten.

 1972 Hoover Dam

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Natürlich ist eine kosmopolitische Klasse nicht gerade etwas Neues. Tatsächlich beschrieb der inzwischen verstorbene Soziologe Robert K. Merton schon vor 50 Jahren in seinem Klassiker Social Theory and Social Structure die Ergebnisse einer anhand von einflussreichen Leuten in einer typischen amerikanischen Kleinstadt – Rovere in New Jersey – durchgeführten Fallstudie. Als Soziologe wählte er diese winzige Stadt aus, um zu untersuchen, wie die Menschen miteinander in Beziehung standen und sich gegenseitig beeinflussten – genau, wie ein Biologe winzige Würmer mit nur wenigen hundert Zellen studiert, um zu untersuchen, wie die einzelnen Zellen mit einem Organismus insgesamt in Beziehung stehen.

Merton entdeckte ein ausgeprägtes Muster. Die einflussreichen Einwohner aus Rovere schienen sich deutlich in „kosmopolitische Einflusspersonen“, die sich gewohnheitsmäßig in Richtung der weiteren Welt hin orientierten, und „lokale Einflusspersonen“, die sich in Richtung ihrer eigenen Stadt orientierten, unterteilen zu lassen. Und je mehr er und seine Mitarbeiter diese Menschen befragten, desto faszinierender und bedeutsamer erschien ihm diese Unterscheidung zwischen beiden Gruppen.

Merton beschrieb nicht, dass die kosmopolitischen Einflusspersonen außerhalb von Rovere Einfluss hatten – anscheinend traf dies auf keine einzige von ihnen zu. Was auffiel, war stattdessen ihr gewohnheitsmäßiger, an ihre individuelle Persönlichkeit geknüpfter Referenzrahmen. Wenn Merton sich mit den Leuten unterhielt, erinnerte ein beliebiges Thema die kosmopolitischen Einflusspersonen an die weitere Welt, während die lokalen Einflusspersonen an Dinge innerhalb ihrer eigenen Stadt erinnert wurden.

Kosmopolitische Einflusspersonen, so Merton, tendierten dazu, ihren Erfolg auf ihre Allgemeinbildung zurückzuführen, während lokale Einflusspersonen sich auf ihre Freundschaften und Beziehungen verließen. Die kosmopolitischen Einflusspersonen waren häufig nicht daran interessiert, innerhalb der Stadt neue Leute kennen zu lernen; lokale Einflusspersonen wollten jeden kennen. Die kosmopolitischen Einflusspersonen neigten dazu, Positionen in der örtlichen Politik und Verwaltung zu übernehmen, die ihre breite Erfahrung widerspiegelten: im Gesundheits-, Wohnungs- oder Bildungsausschuss. Lokale Einflusspersonen hatten tendenziell Stellungen inne, die sie durch ihre Popularität vor Ort erreichten: Verkehrsamtsleiter, Bürgermeister oder Ratsmitglied.

Die kosmopolitische Einflussperson in der Stadt war für Merton dm Facharzt vergleichbar, die örtliche Einflussperson dem Hausarzt. Merton schloss: „Es scheint, dass die kosmopolitische Einflussperson Anhänger hat, weil sie weiß , die lokale Einflussperson, weil sie versteht .“

Die lokalen Einflusspersonen sprachen, wie Merton entdeckte, liebevoll über ihre Stadt, als wäre sie ein einzigartiger und besonderer Ort, und äußerten häufig, nie dort weggehen zu wollen. Die Kosmopoliten äußerten sich, als ob sie möglicherweise von heute auf morgen gehen würden.

Was zu Mertons Zeiten galt, gilt in der heutigen globalisierten Wirtschaft noch deutlich stärker. Was ich dabei als besonders frappierend empfinde, ist das Gefühl von Loyalität, dass die Kosmopoliten untereinander entwickeln.

Nach dem World Fellows Dinner pries ein Teilnehmer aus Namibia mir gegenüber in hervorragendem und entspanntem Englisch die schönen Ferienhäuser an, die man dort finden (und sogar kaufen) könne. Ich hatte das Gefühl, als könnte sich zwischen uns eine Beziehung entwickeln, die sich zuungunsten der Interessen der Einheimischen in Namibia auswirken könnte. Ich konnte mir vorstellen, mich darauf einzulassen; er und ich wären in diesem Fall natürliche Verbündete.

Die Frage, die sich mir in der Folge stellte, ist, warum dies heute in einem derartigen Ausmaß geschieht. Eine Rolle dabei spielt offensichtlich die verbesserte Kommunikationstechnologie. Aber wie lässt sich damit der Eindruck erklären, dass die Kluft zwischen Kosmopoliten und Vor-Ort-Verwurzelten so viel größer geworden ist?

Man muss sich bewusst machen, dass Menschen selbst entscheiden, ob sie die Rolle des Kosmopoliten oder des örtlich Verwurzelten übernehmen und wie viel sie in diese Rolle investieren. Sie treffen eine bewusste Entscheidung, Weltbürger zu werden oder sich örtlich zu verwurzeln, je nach ihren eigenen Talenten und dem Nutzen, den sie sich jeweils davon versprechen.

Im 21. Jahrhundert eröffnet uns das neue Informationszeitalter nicht nur die Chance, im Geiste und von der Orientierung her ein Weltbürger zu sein, sondern auch, starke Bindungen zu anderen Weltbürgern zu schmieden. Kosmopoliten verfügen über gemeinsame Erfahrungen: Sie kommunizieren unmittelbar miteinander – den Globus umspannend. Viele von ihnen überall auf der Welt sprechen außerdem eine gemeinsame Sprache: Englisch, die neue Lingua franca.

In den späten 1960er Jahren machte der kanadische Kommunikationsexperte Marshall McLuhan – als Antwort auf die bereits damals sehr leistungsstarken Kommunikationsmedien – erstmals den Begriff „Global Village“ populär. Die kosmopolitische Klasse aber konnte McLuhan nicht voraussehen, denn er konnte die enormen Entwicklungen bei den direkten zwischenmenschlichen Kommunikationsmedien nicht vorhersehen, die es Kosmopoliten überall auf der Welt ermöglichen, miteinander Freundschaften zu schließen.

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Die Kosmopoliten sind tendenziell zunehmend wohlhaben, und ihr Wohlstand trägt dazu bei, sie als Weltbürger herauszustellen. Wirtschaftliche Ungleichheit wird damit in der heutigen Welt unterschiedlich wahrgenommen. Möglicherweise wird sie resignierend akzeptiert, da die kosmopolitische Klasse zu amorph und zu wenig klar definiert ist, um zum Ziel sozialer Bewegungen zu werden. Die kosmopolitische Klasse hat keinen Sprecher, keine Organisation, die für das, was geschieht, verantwortlich gemacht werden könnten.

Ich fürchte für unsere Zukunft. Wie wird sich die kosmopolitische Klasse verhalten, wenn ihre Rolle innerhalb der Weltwirtschaft weiter an Bedeutung gewinnt? Wie gefühllos werden ihre Mitglieder gegenüber den Menschen in ihrer Nachbarschaft werden? Vor allem aber: Falls es zu Ressentiments unter jenen kommt, die örtlich verwurzelt sind, welche politischen Konsequenzen wird dies haben?