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Der Mythos vom zunehmenden Protektionismus

CAMBRIDGE – Während der Finanzkrise gab es einen Hund, der nicht bellte: Protektionismus. Obwohl es einiges Gezeter gab, haben Regierungen tatsächlich bemerkenswert wenige Handelsbarrieren für Importe errichtet. Die Weltwirtschaft ist genauso offen geblieben, wie sie es war, bevor die Krise eingeschlagen ist.

Normalerweise gedeiht Protektionismus in Zeiten wirtschaftlicher Gefahr. Wenn Regierungen mit wirtschaftlichem Niedergang und steigender Arbeitslosigkeit konfrontiert sind, schenken sie ihre Aufmerksamkeit viel eher Interessengruppen im Inland als der Einhaltung ihrer internationalen Verpflichtungen. 

Wie John Maynard Keynes erkannte, können Handelsbeschränkungen während einer wirtschaftlichen Rezession Arbeitsplätze schützen oder schaffen. Doch was unter extremen Bedingungen für ein einzelnes Land wünschenswert sein mag, kann sich auf die Weltwirtschaft äußerst nachteilig auswirken. Wenn alle Handelsschranken errichten, bricht das Handelsvolumen zusammen. Keiner gewinnt. Deshalb hat das verhängnisvolle Gerangel in der Handelspolitik während der 30er-Jahre die Große Depression stark verschlimmert.

Viele beklagen, dass heute etwas Vergleichbares stattfindet, wenn auch in geringerem Umfang. In vorderster Reihe steht dabei eine Organisation mit dem Namen Global Trade Alert (GTA), die die Alarmglocken wegen etwas läuten lässt, das es als „einen protektionistischen Moloch“ bezeichnet. Der jüngste Bericht der GTA listet seit November 2008 nicht weniger als 192 einzelne protektionistische Maßnahmen auf, die meistens China zum Ziel haben. Diese Zahl wurde in der Wirtschaftspresse vielfach zitiert. Glaubt man sie unbesehen, scheint diese Zahl darauf schließen zu lassen, dass Regierungen ihre Verpflichtungen gegenüber der Welthandelsorganisation und den multilateralen Handelsabkommen nahezu über Bord geworfen haben.