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Die Mondtäuschung

Nur wenige Menschen würden bestreiten, dass der Mond besonders erstaunlich und bezaubernd wirkt, wenn er in Horizontnähe steht. Er erscheint dann näher und größer, als wenn er hoch am Himmel steht. Dies jedoch ist eine Täuschung - die „Mondtäuschung", um genau zu sein: Die Entfernung, die das Licht vom Mond bis zum Auge des Betrachters zurücklegt, ist im Wesentlichen dieselbe, unabhängig von der Mondhöhe. Eine ähnliche Täuschung lässt sich für die untergehende Sonne sowie bei Himmelsdistanzen zwischen Sternen unterschiedlicher Höhe feststellen.

Die Mondtäuschung ist jedoch nicht nur für den Betrachter faszinierend; sie ganz nebenbei das vielleicht älteste ungelöste Problem der Naturwissenschaften. Hinweise darauf finden sich auf Tontafeln aus den königlichen Bibliotheken von Nineveh und Babylon, die auf die Zeit vor dem sechsten Jahrhundert v. Chr. datiert werden, sowie in einer Lieh Tzu zugeschriebenen Sammlung chinesischer Legenden aus dem fünften Jahrhundert v. Chr. Viele führende Naturwissenschaftler und Mathematiker haben sich im Laufe der Geschichte mit dem Problem auseinander gesetzt, so da Vinci, Kepler und Descartes, um nur einige zu nennen.

Während des größten Teils der aufgezeichneten Geschichte wurde die Täuschung als Folge eines physischen Prozesses angesehen. So führten etwa Aristoteles im dritten Jahrhundert v. Chr. und Ptolemaios im zweiten Jahrhundert n. Chr. die Mondtäuschung unrichtigerweise auf vergrößernde Eigenschaften der Atmosphäre zurück. Alhazen (Ibn al-Haytham) brachte die Mondtäuschung mit der abgeflachten Erscheinung des Himmelsgewölbes in Verbindung.

Im 19. Jahrhundert wurde klar, dass die Mondtäuschung ein psychologisches Phänomen ist, eine Folge des kognitiven Prozesses, der der räumlichen Wahrnehmung des menschlichen Gehirns zugrunde liegt. Seitdem wurden viele Theorien vorgelegt, um die Täuschung zu erklären, aber noch immer besteht kaum Einigkeit darüber unter den Wissenschaftlern.