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Caudillos auf dem Vormarsch

Die Wiederwahl auf unbeschränkte Zeit, die die Präsidenten Hugo Chávez und Evo Morales in Venezuela bzw. Bolivien anstreben, spiegelt ein Phänomen wider, das leider nie weit unter der Oberfläche der lateinamerikanischen Politik lag: den Caudillismo . Der russische Präsident Wladimir Putin hatte zumindest so viel Anstand, sich an die Form gemäß der Verfassung seines Landes zu halten, als er vor kurzem versprach, zurückzutreten und bei den Parlamentswahlen zu kandidieren.

Einigen lateinamerikanischen Präsidenten gelang es dagegen in jüngster Zeit, die Verfassungen ihrer Länder zu ändern, um ihre Amtszeiten zu verlängern. Ein Beispiel dafür ist Carlos Menem in Argentinien, der Erbe des Peronismus, der beständigsten Form des Caudillismo auf dem Kontinent, doch war Menems Caudillismo gemäßigt und hielt im Wesentlichen die demokratischen Normen aufrecht.

Der Caudillismo weist vor allem zwei Schlüsselaspekte auf. Erstens, da es sich vor allem um eine Form der politischen Vertretung handelt, kann es zu verschiedenen lokalen Besonderheiten kommen. Zweitens, obwohl der Caudillismo die Politik auf eine Person bezieht, ist er weniger von den Eigenschaften des Caudillos abhängig als von den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen des Landes, in dem der Caudillismo Fuß fasst. Anders ausgedrückt: Obwohl es auf das Charisma des Caudillos ankommt, ist er oder sie eine Schöpfung der Gesellschaft.

Diese beiden Vorstellungen helfen uns, Chávez und Morales leichter zu verstehen. Wie die alten Caudillos beanspruchen sie die alleinige Vertretung ihrer Anhänger für sich. Während die Vertretung in demokratischen Ländern auf der Zuversicht des Volkes gründet, dass unter den gewählten Machthabern eine bessere Zukunft möglich ist, beruht die Vertretung in Ländern wie Venezuela und Bolivien heutzutage auf einer einfachen Identifizierung mit dem Machthaber: „Er ist einer von uns.“