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Die Abmilderung der genetischen Revolution

LEUVEN – Vielleicht sind wir uns dessen nicht ganz bewusst, aber zukünftige Generationen werden unsere Zeit als wahrhaft historisch betrachten. Nie zuvor konnte die Menschheit die Funktionsweise von Zellen, Gewebe und Organen, die genauen molekularen Mechanismen der Evolution und den Ursprung sowie die Verbreitung unserer Art über die Welt verstehen.

Die Technologie, die es uns ermöglicht, zelluläre und subzelluläre Prozesse und Mechanismen zu enträtseln, die Ursachen von Krankheiten zu bestimmen, genauere und effektivere Behandlungsmethoden zu entwickeln und festzustellen, wer auf welche Art biologisch mit uns verwandt ist, kombiniert Wissen aus der Biologie, den Computerwissenschaften, der Informationstechnologie und den Werkstoffwissenschaften. Erwartungsgemäß hat eine solche Wissensrevolution auch einen bedeutenden Einfluss auf die Gesellschaft und erfordert Antworten auf Fragen, die wir bis vor einiger Zeit noch für reine Science Fiction gehalten hätten.

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Heute ist es technisch möglich, die 2,4 Meter DNA, die im Kern jeder Zelle unseres Körpers vorhanden ist, in nur wenigen Tagen zu entschlüsseln. Und während die Geschwindigkeit der Entschlüsselung weiterhin steigt, sind ihre Kosten stark gesunken und werden bald nur noch ein paar hundert Dollar betragen. Sobald die Funktion sämtlicher DNA-Fragmente bekannt ist, wird einer routinemäßigen Entschlüsselung nichts mehr im Wege stehen.

Bereits heute wird die Zusammensetzung von etwa 500.000 DNA-Bausteinen (Einzel-Nukleotid-Polymorphismen) routinemäßig analysiert, die über die gesamte Länge der DNA verbreitet sind und mit bestimmten körperlichen und verhaltensmäßigen Charakteristiken oder Empfänglichkeiten für Krankheiten korrelieren. Die für etwa 3.000 der 7.000 bekannten genetischen Krankheiten verantwortlichen Fehler in der DNA-Zusammensetzung können bereits aufgezeigt werden, und Bemühungen zur Bestimmung der Gründe für die verbleibenden 4.000 sind im Gange.

Unterdessen gibt es eine wachsende Anzahl von Unternehmen, die eine neue wirtschaftliche Dienstleistung anbieten: Analyse der DNA für genealogische und medizinische Zwecke direkt für die Konsumenten. Ihre Aktivitäten und Kundenkreise wachsen zwar stetig, aber viele ihrer Ergebnisse sind zur Bestimmung körperlicher oder verhaltensmäßiger Eigenschaften oder der Anfälligkeit für verbreitete Krankheiten wie Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Depressionen nur bedingt geeignet.

Manche Menschen nehmen jedoch das Recht in Anspruch, alle diesbezüglichen Informationen über sich zu erhalten, einschließlich der geringsten erhöhten Anfälligkeit für solche Krankheiten. Einige sind sogar bereit, zur Senkung oder Beherrschung dieser Risiken Präventivmaßnahmen durchzuführen oder ihr Verhalten zu ändern. Andere müssen mit Ergebnissen fertig werden, die zeigen, dass sie Fehler haben, die ihr Risiko der Erkrankung an vererblichen Formen von Krebs oder Demenz deutlich erhöhen, oder dass sie einen Defekt an ihre Kinder vererben könnten, der bei deren Enkeln vielleicht einen ernsthaften Defekt verursacht.

Einige Menschen – bis jetzt noch eine Minderheit – sind von diesem neuen Wissen fasziniert und verlassen sich vollständig auf die Resultate. Aber bis wir die Ergebnisse der Entschlüsselung genau verstehen und dieses Wissen auf angemessene Weise für Risikoberechnungen verwenden können, ist weitere Forschung notwendig. So enthalten über 97% unserer DNA keine Informationen über die Synthese von Proteinen (enthalten also keine Gene), interagieren aber trotzdem mit unseren Genen und steigern, senken oder verhindern die Proteinproduktion.

Wir wissen auch, dass unsere DNA zwar mitverantwortlich für gesteigerte Anfälligkeit gegenüber verbreiteten Krankheiten und in manchen Fällen vollständig verantwortlich für Erbkrankheiten ist, dass aber die Umgebung, in der die DNA wirkt, ebenso wichtig sein kann wie die Zusammensetzung der DNA selbst. In der Tat beeinflusst die Umgebung, in der sich das befruchtete Ei entwickelt, die DNA nach der Befruchtung durch sogenannte epigenetische Markierungen – zum Beispiel abhängig davon, was die Mutter isst, ob sie raucht oder Alkohol trinkt oder ob sie krank wird oder sich infiziert.

Dieser Effekt wirkt nach der Geburt weiter und führt zu unterschiedlichen epigenetischen Markierungen in den Organen. Dies kann zu individuellen Unterschieden in der Anfälligkeit für Krankheiten führen. Gut veranschaulicht wird dies anhand von eineiigen Zwillingen, deren ansonsten identische DNA sich im Laufe des Lebens in der Art der Markierung durch die Umgebung immer mehr unterscheidet.

Trotz alledem werden die Gefahren durch diesen technologischen Fortschritt immer offensichtlicher. Beispielsweise ist es heute möglich, die DNA eines ungeborenen Kindes aus dem Blut seiner Mutter zu analysieren und sein zukünftiges Krankheitsrisiko zu bestimmen. Dies bereitet den Weg hin zur Eugenik – der Selektion (durch Eltern, Behörden oder andere) von Kindern mit vermeintlich “angemessenen” Eigenschaften.

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Wir müssen aufpassen, dass wir von der Zusammensetzung, den Eigenschaften und den Risiken der DNA nicht mehr fasziniert werden als von den menschlichen Qualitäten nicht perfekter Individuen, wie wir alle es sind. Dies bedeutet nicht, dass unser Wissen keine wichtigen, lebensrettenden und notwendigen Anwendungen finden kann. Aber Anzahl und Ausmaß dieser Anwendungen sind begrenzter, als manche zu glauben scheinen. Wir sollten heute die Forschungen nicht nur vorantreiben, sondern auch über sie nachdenken und vorsichtig damit sein.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff