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Die Sprache globaler Proteste

PRINCETON – Die Protestbewegungen, die sich von Chile bis Deutschland im Westen ausbreiten, blieben bis jetzt merkwürdig vage und wenig analysiert. Manche sprechen von ihnen als den größten globalen Mobilisierungen seit 1968 – als es bei enragés in sehr unterschiedlichen Ländern um ähnliche Themen ging. Aber andere behaupten, es fände hier nichts Neues statt.

So ist der bulgarische Politikwissenschaftler Krastev der Ansicht, dass wir heute tatsächlich 1968 “umgekehrt” erleben. “Damals”, meint er, “ äußerten die Studenten Europas ihr Bedürfnis, in einer anderen Welt zu leben als in der ihrer Eltern. Heute gehen die Studenten mit der Absicht auf die Straße, in der Welt ihrer Eltern zu leben.”

Die Bewegung hat bis jetzt keinen Namen und keine klare Interpretation. Aber wie sich die Demonstranten nennen – und wie sie von Beobachtern genannt werden – kann ihre Richtung durchaus beeinflussen. Ein solches Selbstverständnis dürfte auch auf die Reaktion der Bürger Einfluss haben.

Zu 1968 gab es viel zu viele Theorien. Die Studentenführer haben immer neue Manifeste mit einer Mischung aus Marxismus, Psychoanalyse und Theorien zur Befreiung der Dritten Welt produziert. Leicht wird vergessen, dass selbst die führenden Theoretiker dieser Zeit darin übereinstimmten, dass der Ursprung der Proteste der 1968er-Bewegung nicht in den Seminarräumen lag.