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Die Lockungen des Kremls

PARIS – Welche Bedeutung kommt dem unlängst in Frankreich abgewickelten Verkauf von vier schlagkräftigen Kriegsschiffen vom Typ Mistral an Russland zu? Handelt es sich um ein ganz alltägliches Geschäft oder um einen unverantwortlichen Schritt, der zu einer gefährlichen Verlagerung der Machtverhältnisse an der Ostsee und am Schwarzen Meer beiträgt?

Bisweilen wird gesagt, Deutschland sei mit seiner „egoistischen“ Haltung gegenüber der Europäischen Union zu einem „zweiten Frankreich“ geworden. Aber ist Frankreich wirklich   dabei ein „zweites Deutschland“ zu werden? Wenn Deutschland Russlands wichtigster wirtschaftlicher Partner ist, warum sollte Frankreich dann nicht sein wichtigster strategischer Partner sein?

Zwischen Deutschland und Russland besteht eine natürliche Nähe – eine Beziehung, die sowohl geografische als auch historische Gründe hat. Das ist in Frankreich zwar nicht der Fall, aber es verfügt dennoch über eine lange Tradition einer „speziellen“ bilateralen Beziehung zu Russland – geprägt von einer tiefen kulturellen Dimension –, der es irgendwie gelungen ist über den Kalten Krieg hinaus Bestand zu haben.

General Charles de Gaulle hat sich einmal als „Schlechtwetterfreund“ der Vereinigten Staaten bezeichnet, was beinhaltete, dass er bei „schönerem Wetter“ seinen eigenen Weg gehen konnte, sich aus der integrierten militärischen Kommandostruktur der NATO zurückziehen und als eine Art Brücke zwischen Ost und West fungieren konnte. De Gaulles Entspannungspolitik gegenüber der Sowjetunion, die er Jahre bevor Nixon und Kissinger sich darin versuchten betrieb, verkörperte Frankreichs Wunsch, diplomatisch für sich allein zu „existieren“ und seinen Handlungsspielraum mit den USA zu maximieren.