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Die Güte von Fremden

NEW HAVEN – Ich gebe zu, dass es eine ungewöhnliche Art der Weltsicht ist, aber wenn ich die Zeitung lese, fällt mir immer das Ausmaß menschlicher Güte auf. Die neuesten guten Nachrichten kommen vom Center on Wealth and Philanthropy am Boston College, wo man schätzt, dass die Amerikaner im Jahr 2010 etwa 250 Milliarden Dollar für wohltätige Zwecke spenden werden, was einer Steigerung von mehreren Milliarden gegenüber dem letzten Jahr entspricht.

Menschen spenden ihr Blut für Fremde, reisen in humanitärer Mission in Länder wie Haiti oder den Sudan und riskieren ihr Leben, um auch anderswo gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen. Und die New Yorker haben sich zunehmend an Meldungen über Helden in der U-Bahn gewöhnt – tapfere Mitmenschen, die auf die Schienen springen, um andere vor herannahenden Zügen zu retten, um dann unerkannt zu verschwinden, weil ihnen die damit verbundene Aufmerksamkeit oder Anerkennung zu viel sind.   

 1972 Hoover Dam

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Als Psychologe faszinieren mich Ursprung und Folgen derartiger Menschenfreundlichkeit. Manche unserer moralischen Empfindungen und Motivationen sind das Produkt biologischer Evolution. Das erklärt, warum wir zu unserem eigen Fleisch und Blut – mit dem wir die meisten Gene gemeinsam haben - oft gut sind. Überdies wird damit unsere moralische Bindung zu denjenigen erklärt, die wir als Zugehörige zu unserem unmittelbaren Stamm ansehen.

Hinter der Menschenfreundlichkeit gegenüber Personen, mit denen wir ständig interagieren, besteht eine adaptive Logik: Wir kratzen ihren Rücken, sie kratzen unseren. Aber es gibt keine darwinistische Belohnung dafür, unsere Ressourcen für anonyme Fremde, vor allem in weit entfernten Ländern, zu opfern.  

Die Erklärung für unsere erweiterte Moral steckt in Intelligenz, Vorstellungskraft und Zivilisation. Eine treibende Kraft ist der Einsatz der Sprache, um Geschichten zu erzählen. Diese können uns dazu bringen, über weit entfernte Menschen so zu denken, als ob sie unsere Freunde oder Familienmitglieder wären.

Die durch griechische Tragödien, Fernsehserien und Zeitungsberichte entstehenden stellvertretenden Erfahrungen spielen allesamt eine wichtige Rolle bei der Ausweitung unserer moralischen Anliegen. Ein weiterer Faktor ist die Verbreitung von säkularen und religiösen Ideologien, die uns ermutigen, uns für weit entfernte andere Menschen einzusetzen und unsere Mitmenschlichkeit auch über unser unmittelbares Umfeld hinaus zu erweitern.  

Sogar der viel geschmähte Kapitalismus könnte uns zu netteren Menschen machen. Aus einer vor kurzem im Fachjournal Science veröffentlichen Studie an 15 verschiedenen Bevölkerungen geht hervor, dass anonyme Fremde in marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaften am fairsten behandelt werden. Wie Robert Wright betonte: Mit zunehmender wechselseitiger Abhängigkeit der Menschen, erweitert sich auch der Umfang ihrer moralischen Anliegen.

Niemand würde behaupten, dass wir die Unterscheidung zwischen Nahestehenden und entfernten Fremden nicht mehr kennen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies jemals passiert.  Ein Mensch, der nicht zwischen seinem eigenen und einem unbekannten Kind in einem weit entfernten Land unterschieden würde  – der gegenüber beiden die gleiche Liebe und Verantwortung empfände – wäre wohl kaum mehr ein Mensch. Was jedoch sehr wohl geschieht ist, dass die Unterscheidung zwischen „wir“ und „ihnen“ nicht mehr so scharf abgegrenzt ist.

Die Auswirkungen unserer Mitmenschlichkeit sind kein Nullsummenspiel. Diejenigen, die von uns Wohltätigkeit empfangen, führen ein besseres Leben, aber auch die Spender profitieren. Gut zu sein, tut gut. Tatsächlich geht aus einer aktuellen Studie hervor, dass es lohnender ist, Geld für andere als für sich selbst auszugeben. Dabei handelt es sich nicht nur um eine kurzfristige Freude: wer anderen Zeit und Geld widmet, ist tendenziell ein Leben lang viel glücklicher als diejenigen, die dies nicht tun. Die paradoxe Erkenntnis dabei ist, dass der große Trick für das eigene Glück darin besteht, nicht über dieses Glück nachzudenken, sondern zu versuchen, das Glück der anderen zu vermehren.

Nicht alles ist jedoch eitel Sonnenschein. Moral ist mehr als Mitgefühl und Wohltätigkeit. Als moralische Wesen besteht unser Antrieb in der Durchsetzung von Gerechtigkeit.

Experimentalökonomen haben herausgefunden, dass Menschen ihre eigenen Ressourcen opfern, um Betrüger und Trittbrettfahrer zu bestrafen und dass sie dieses Verhalten sogar auch gegenüber anonymen Fremden an den Tag legen, mit denen sie nie wieder zu tun haben werden – dabei handelt es sich um die so genannte „altruistische Strafe“. Auch dieses Verhalten bereitet Freude. Ebenso wie das Geben an eine bedürftige Person, führt auch das Nehmen von jemandem, der es verdient, zu einer positiven neuronalen Reaktion.

Das ist die Kehrseite der Wohltätigkeit. Wir sind motiviert, anonymen Mitmenschen Gutes zu tun, aber genauso motiviert sind wir, jenen Schaden zuzufügen, die diese anonymen Mitmenschen schlecht behandeln. Dadurch kann der starke Impuls entstehen, auf weit entfernte Missstände mit Sanktionen, Bombardements und Krieg zu reagieren. Wir möchten, dass die Übeltäter leiden.

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Das Problem dabei ist, dass unser moralisches Bauchgefühl nur schlecht auf die Folgen abgestimmt ist. Die Muster wohltätiger Spenden an fremde Länder haben oft mehr mit publikumswirksamen Medienberichten zu tun, als mit Überlegungen, wo das Geld am dringendsten gebraucht wird. Und Laboruntersuchungen haben gezeigt, dass Menschen fortgesetzt bestrafen, auch wenn sie sich bewusst sind, dass dies die Dinge eigentlich nur verschlimmert. Die Konsequenzen dieses Handelns sind in der realen Welt nicht schwer zu erkennen.

Menschliche Moral gegenüber anderen walten zu lassen, ist eine wunderbare Entwicklung für die Menschheit, aber noch besser wäre, wenn dies von kühler Rationalität gemildert würde.