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Unsicherheitsfaktor Ungleichheit

DAVOS: Viele Beobachter außerhalb der arabischen Welt reden sich angesichts der dramatischen Ereignisse in Nordafrika selbstgefällig ein, dass es dabei allein um Korruption und politische Unterdrückung geht. Aber ein enorm wichtiger Faktor sind auch die hohe Arbeitslosigkeit, die eklatante Ungleichheit und die steigenden Preise für Bedarfsgüter. Die Beobachter sollten daher nicht bloß fragen, wie weit sich ähnliche Vorfälle in der Region ausbreiten werden, sondern auch, welche Art von Veränderungen sich angesichts des ähnlichen, wenn auch nicht ganz so extremen wirtschaftlichen Drucks bei ihnen zu Hause ergeben könnten.

In vielen Ländern dürfte die Ungleichheit bei Einkommen, Vermögen und wirtschaftlichen Möglichkeiten größer sein als zu irgendeiner Zeit während des letzten Jahrhunderts. Die europäischen, asiatischen und amerikanischen Konzerne strotzen nur so vor Geld und fahren dank ihres unnachgiebigen Strebens nach Effizienz weiter Riesengewinne ein. Der Anteil der Arbeitnehmer vom Kuchen jedoch fällt, bedingt durch hohe Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit und stagnierende Löhne.

Dabei fallen, paradoxerweise, die grenzübergreifenden Messwerte für die Einkommens- und Vermögensungleichheit sogar, was am anhaltend robusten Wachstum in den Schwellenländern liegt. Doch die meisten Menschen sind viel stärker darum bedacht, wie gut es ihnen verglichen mit ihren Nachbarn geht als verglichen mit den Bürgern ferner Länder.

Die Reichen verdienen überwiegend gut. Die globalen Aktienmärkte sind wieder da. Viele Länder verzeichnen kräftige Preisanstiege bei Wohnungen, Gewerbeimmobilien oder beidem. Während hohe Preisausschläge bei den Grundnahrungsmitteln den Zündfunken für Hungerrevolten, wenn nicht gar Revolutionen, in der Dritten Welt bilden, verschaffen die wieder steigenden Rohstoffpreise den Eigentümern von Bergwerken und Ölfeldern andererseits enorme Einnahmen. Und Internet und Finanzbranche bringen weiter im atemberaubenden Tempo neue Multimillionäre und sogar Milliardäre hervor.