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Die Ungleichheitsfalle

WASHINGTON – Da sich die Beweise verdichten, dass sich die Einkommensungleichheit in vielen Teilen der Welt verschärft, erhält das Problem wachsende Aufmerksamkeit von Wissenschaftlern und Politikern. In den USA zum Beispiel hat sich der Anteil des obersten einen Prozents der Bevölkerung am Einkommen seit den späten 1970er Jahren von ca. 8 Prozent des jährlichen Bruttoinlandprodukts auf über 20 Prozent mehr als verdoppelt, ein Niveau, das seit den 1920er nicht mehr erreicht wurde.

Obwohl es ethische und soziale Gründe gibt, in der Ungleichheit Grund zur Besorgnis zu sehen, haben diese nicht viel mit der Makroökonomie an sich zu tun. Aber eine solche Verbindung wurde im frühen zwanzigsten Jahrhundert durchaus hergestellt: der Kapitalismus, so argumentierten einige, tendiere dazu, aufgrund der steigenden Einkommenskonzentration eine chronische Schwäche in der effektiven Nachfrage zu erzeugen, was zu einer Ersparnisschwemme führe, da die sehr Reichen viel sparten. Das heize Handelskriege an, da die Länder versuchten, mehr Nachfrage im Ausland zu generieren.

Seit den 1930er Jahren ist dieses Argument jedoch in Vergessenheit geraten, da die Marktwirtschaften im Westen nach dem Zweiten Weltkrieg schnell wuchsen und die Einkommensverteilung einheitlicher wurde. Es gab zwar konjunkturelle Schwankungen, aber keine erkennbare Tendenz zu einer chronischen Nachfrageschwäche. Die meisten Volkswirtschaftler würden sagen, kurzfristige Zinsen können immer so niedrig angesetzt werden, dass eine vernünftige Beschäftigungsrate und Nachfrage erzeugt werden kann.

Aber jetzt, da die Ungleichheit wieder zunimmt, sind auch die Argumente zurückgekommen, die eine Verbindung zwischen Einkommenskonzentration und makroökonomischen Problemen herstellen. Raghuram Rajan von der Universität Chicago, ehemaliger Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, schildert in seinem preisgekrönten Buch Fault Lines – Verwerfungen den Zusammenhang zwischen der Einkommensungleichheit und der Finanzkrise von 2008.