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Das unmoralische Resultat einer Moraltheorie

PRINCETON – Ist es immer falsch, ein unschuldiges menschliches Leben zu beenden? Viele philosophische Verfechter der römisch-katholischen Tradition des Naturrechts bringen vor, dass es keine Ausnahmen von diesem Verbot gibt; zumindest, wenn es darum geht, das Leben vorsätzlich und direkt zu beenden und es nicht als Nebenfolge eines anderen Tuns dazu kommt. (Diese Moraltheoretiker nehmen auch feindliche Kombattanten von der Definition  „unschuldig“ aus, solange der Krieg, der geführt wird, gerecht ist.)

Wird diese Auffassung – wie es in der katholische Lehre üblich ist – mit dem Anspruch verbunden, dass alle Nachkommen menschlicher Eltern vom Augenblick der Empfängnis an lebende menschliche Wesen sind, folgt daraus, dass der Abbruch einer Schwangerschaft in keinem Fall zulässig ist. Doch der Fall einer 22-Jährigen Frau aus El Salvador, die in den Medien „Beatriz“ genannt wird, macht es ausgesprochen schwierig, diese Auffassung in ihrer Absolutheit zu vertreten.

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Beatriz ist Mutter eines kleinen Sohnes und leidet an der Autoimmunkrankheit Lupus und anderen Komplikationen. Ihre erste Schwangerschaft ist sehr schwierig gewesen. Dann wurde sie erneut schwanger und ihre Ärzte sagten, je länger die Schwangerschaft fortgesetzt würde, desto größer sei ihr Risiko, daran zu sterben.

Für die meisten Frauen wäre das allein ein hinreichender Grund, die Schwangerschaft zu beenden. Für Beatriz gab es allerdings noch einen weiteren wichtigen Grund für diesen Schritt: Beim Fötus wurde Anenzephalie diagnostiziert, eine Fehlbildung, bei der die Großhirnrinde fehlt, der Teil des Gehirns, der dem Bewusstsein zugeordnet wird.

Fast alle Babys mit diesem Leiden sterben kurz nach der Geburt; die wenigen, die überleben sind nicht einmal fähig, auf das Lächeln ihrer Mutter zu reagieren. In Ländern mit Pränataldiagnostik und liberalen Abtreibungsgesetzen ist Anenzephalie sehr selten geworden, weil sich fast alle Frauen, die erfahren, dass der Fötus diese Fehlbildung aufweist, zu einem Schwangerschaftsabbruch entschließen.

Während traditionell römisch-katholische Länder in Europa, wie Italien und Spanien, ihre Abtreibungsgesetze liberalisiert haben, ist Lateinamerika dem Glauben treu geblieben und hält an einigen der striktesten gesetzlichen Verbote der Welt fest. Im vergangenen Jahr wurde einem 16-jährigen krebskranken Mädchen in der Dominikanischen Republik über Wochen eine Chemotherapie verweigert, weil sie schwanger war und die Ärzte befürchteten, dass die potenziell lebensrettende Behandlung einen Abort auslösen könnte. Obwohl dem Mädchen später erlaubt worden ist, mit der Behandlung zu beginnen, sind sowohl das Mädchen als auch der Fötus gestorben.

In El Salvador ist Abtreibung ausnahmslos verboten. Im April ersuchten Beatriz‘ Ärzte die Gerichte, ihnen den Abbruch der Schwangerschaft aus medizinischen Gründen zu gestatten, wurden jedoch abgewiesen. Am 29. Mai wurde Beatriz‘ Antrag vom Obersten Gerichtshof abgelehnt.

Für einen jeden, der sich über das Wohlergehen des Menschen Gedanken macht – oder auch das Gedeihen des Menschen im Allgemeinen – ergibt ein solches Resultat keinen Sinn. Mit der Abtreibung eines anenzephalen Fötus wird ein Leben beendet, das menschlich sein mag, insofern als es sich um das Leben eines Angehörigen der Spezies Homo sapiens handelt; es ist jedoch ein Leben, in dem es keinerlei Wohlergehen geben wird, denn das Kind (wenn es lebt) wird nicht in der Lage sein, sich an irgendetwas freuen zu können.

Beatriz einen Schwangerschaftsabbruch zu verbieten hingegen, birgt das Risiko, dass eine junge Frau stirbt, die unbedingt am Leben bleiben will und vieles hat, wofür es sich zu leben lohnt. Auch wäre ihr einjähriger Sohn vom Verlust der Mutter bedroht.

Nach der Entscheidung des Obersten Gerichtshofes gab die Gesundheitsministerin von El Salvador, Maria Rodriguez, bekannt, dass es Beatriz gestattet würde, einen „vorzeitigen Kaiserschnitt“ vornehmen zu lassen, bei dem es sich nicht um eine Abreibung, sondern um eine „eingeleitete Geburt“ handele. Der Eingriff wurde am 3. Juni durchgeführt; das anenzephalische Neugeborene ist fünf Stunden später gestorben.

Wenn das ein besseres Resultat als eine frühzeitigere Beendigung der Schwangerschaft gewesen sein soll, fällt es schwer zu verstehen, für wen es besser war. Für Beatriz, die weiter auf der Intensivstation behandelt wird und für die die langfristigen gesundheitlichen Folgen der Schwangerschaft noch nicht absehbar sind, war es gewiss nicht besser. Und inwiefern hat der anenzephalische Fötus davon profitiert, einige Monate länger im Uterus und anschließend fünf Stunden außerhalb zu leben?

Ein Punkt, der in der Diskussion des Falles Beatriz übersehen wird, ist, dass die gleiche katholische Theorie des Naturrechts, die darauf beharrt, dass die Tötung eines unschuldigen menschlichen Wesens immer falsch ist, ebenso eine Grundlage für die Argumentation liefert, dass es nicht falsch ist, einen anenzephalischen Fötus zu töten. In unzähligen Texten argumentieren katholische Philosophen, Theologen und Bioethiker, dass es immer falsch sei unschuldige menschliche Wesen zu töten, weil sie, im Gegensatz zu nichtmenschlichen Tieren, ein „rationales Wesen“ haben. Die Verfechter dieser Argumentation verwenden diesen Begriff, um Geschöpfe einzuschließen, die noch nicht fähig sind rational zu agieren, es im Zuge ihrer normalen Entwicklung aber sein werden.

Die Verwendung des Begriffs „Geschöpf mit einem rationalen Wesen“ ist sehr weit gefasst, vielleicht sogar zu weit, wenn er auf normale Föten bezogen wird. Um ihn auf einen Fötus mit Anenzephalie anzuwenden, ist ein weiterer und weitaus fragwürdigerer Schritt notwendig.

So hat etwa Thomas von Aquin nicht geglaubt, dass bei jedem Angehörigen der Spezies Homo sapiens ein rationales Wesen vorhanden ist. Er war überzeugt, dass ein Maß an Entwicklung notwendig ist, damit das menschliche Tier ein Geschöpf mit rationalem Wesen werden kann. Im Fall eines anenzephalischen Fötus ist eine solche Entwicklung nicht möglich. Er kann kein rationales Wesen werden.

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Aus diesem Grund hätten auch diejenigen, die glauben, dass es immer falsch ist, ein unschuldiges Geschöpf mit einem rationalen Wesen vorsätzlich zu töten, zulassen sollen, dass Beatriz ihre Schwangerschaft abbricht. Sie hätten sich zu einer menschlichen Lösung entschließen sollen, die das Risiko eines tragischen Endes einer Geschichte minimiert, die ohnehin schon traurig genug ist.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.