Das kalte Herz der medizinischen Wissenschaft

Warum fühlen sich Neurowissenschaftler, Molekularbiologen, Genetiker und Entwicklungsbiologen – Männer und Frauen, deren Entdeckungen unser Selbstverständnis für immer verändert haben – so unwohl und unsicher im Hinblick auf ihre Zukunft? Die moralische Krise der heutigen medizinischen Wissenschaftler rührt nicht von Geldproblemen her oder dem Entwicklungsstadium, in dem sich der Bereich gerade befindet, auch nicht vom Stand der derzeit durchgeführten Forschung, sondern vom Unvermögen dieser Wissenschaftler, sich in angemessenen, menschlichen Gemeinschaften zu organisieren.

Schlechte Stimmung ist keine Frage von zu geringen Mitteln zur Finanzierung der Arbeit oder von zu wenigen neuen Ideen, sondern von zu wenig Freundlichkeit und Anstand; es ist ein Versagen der Sitten und Manieren, ein Verlust des gesellschaftlichen Zwecks, eine Verringerung des Vermögens oder des Willens, das Richtige vom Falschen zu unterscheiden und dann richtig zu handeln. Im Kern ist die schlechte Stimmung lediglich eine Folge, die dadurch bedingt ist, dass die Gleichgültigkeit von Medizinern, die in ihren Laboren beschäftigt sind, es zugelassen hat, dass die gesellschaftlichen und emotionalen Grundlagen ihres Fachgebiets unter ihnen wegfaulen konnten.

Die Verletzbarkeit der Wissenschaften, die sich auf den menschlichen Körper und Geist als ihr Spielfeld konzentrieren, liegt in der Verpflichtung aller Wissenschaftler, ihre Systeme mit Nüchternheit zu beobachten. In diesen Fachgebieten bedeutet Nüchternheit, dass die medizinischen Wissenschaftler ihre eigene geistige und körperliche Verletzbarkeit ignorieren. Der Druck, diesen unmöglichen Standard kühler Neugier gegenüber seinem eigenen Schicksal zu erfüllen, erzeugt eine unerträgliche Distanz zwischen dem Wissenschaftler des Körpers und des Geistes und dem Körper und Geist des Wissenschaftlers. Unter diesem Druck sind Medizinwissenschaftler daher empfänglich für den Traum, dass ihre Instrumente und Verfahren sie irgendwie von den Beschränkungen ihres Geistes und Körpers befreit hätten.

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