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Der Kern der Wahlen in den USA

CHICAGO: Im Präsidentschaftswahlkampf in den USA zeichnet sich eine echte Debatte ab. Oberflächlich betrachtet geht es dabei um Gesundheitsversorgung und Steuern, bei grundsätzlicherer Betrachtung um Demokratie und freies Unternehmertum.

Demokratie und freies Unternehmertum scheinen sich gegenseitig zu stärken – es ist schwer, sich eine florierende Demokratie ohne Marktwirtschaft vorzustellen. Und während eine Anzahl dem Namen nach sozialistischer Volkswirtschaften das freie Unternehmertum für sich entdeckt haben (oder den „Sozialismus mit chinesischen Eigenschaften“, wie es die Kommunistische Partei Chinas ausdrücken würde), scheint es nur eine Frage der Zeit, bis diese gezwungen werden, demokratischer zu werden.

Allerdings ist nicht von vornherein klar, warum Demokratie und freies Unternehmertum einander stützen sollten. Schließlich bedeutet Demokratie, die einzelnen Menschen als gleich zu betrachten und auch so zu behandeln, wobei jeder Erwachsene ein gleiches Stimmrecht erhält, während das freie Unternehmertum den Menschen jeweils auf der Grundlage ihrer Wertschöpfung und ihres Eigentums mehr Macht gibt.

Was hindert den durchschnittlichen Wähler in einer Demokratie, dafür zu stimmen, die Reichen und Erfolgreichen zu enteignen? Und warum untergraben Letztere die politische Macht der Ersteren nicht? Widerklänge einer derartigen Spannung sind derzeit bei dem Versuch Präsident Barack Obamas im Spiel, die Wut der Mittelschicht anzuzapfen, während der frühere Gouverneur von Massachusetts Mitt Romney an unzufriedene Geschäftsleute appelliert.