Die postamerikanische Welt

BERLIN – Madeleine Albright könnte eigentlich hoch zufrieden sein. Denn ihr vor Jahren geprägter Satz von den USA als der „indispensable nation“ wird gegenwärtig durch den Gang der Geschichte als richtig bewiesen. Da dies aber durch einen negativen Beweis geschieht, nämlich durch den Verlust dieser Rolle, durch die Abwesenheit der USA in einer dramatischen Krise, nämlich in Syrien, wird sich die ehemalige Außenministerin der Vereinigten Staaten darüber nicht freuen, sondern eher in großer Sorge sein.

Vor unseren Augen nimmt gegenwärtig eine postamerikanische Welt Gestalt an, die allerdings nicht durch eine neue Ordnung abgelöst wird, sondern vielmehr durch machtpolitische Ambivalenzen, Instabilität, ja Chaos gekennzeichnet ist. Das ist eine sehr unerfreuliche, bisweilen sogar gefährliche Perspektive, die in Zukunft selbst eingefleischte Antiamerikaner noch nach der alten globalen Ordnungsmacht wird rufen lassen.

Die USA sind sowohl subjektiv als auch objektiv nicht mehr willens und auch nicht mehr in der Lage, die viel geschmähte und zugleich unverzichtbare globale Ordnungsmacht zu spielen. Die Kriege im Nahen und Mittleren Osten mit ihren enormen humanitären wie wirtschaftlichen Verlusten, die Finanz- und Wirtschaftskrise, Schuldenlast und eine Neuausrichtung des Landes auf die Lösung der inneren Probleme und auf den pazifischen Raum – all diese Erfahrungen und Herausforderungen haben zu der aktuellen Entwicklung beigetragen.

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