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Das Großer-Mann-Syndrom

In unserem globalisierten Zeitalter sind es angeblich enorme, unpersönliche Mächte, die den Verlauf der Ereignisse bestimmen. Globalisierte Märkte, schrankenloser Handel, der militante Islam, das Erwachen Chinas: Dies sind die Dinge, welche die Historiker und Strategen normalerweise als jene wesentlichen Kräfte darstellen, die unser Schicksal bestimmen. Aber die meisten Menschen sehen die Dinge anders.

Sie betrachten vielmehr noch immer instinktiv „große Männer“ als Ursache von Geschichte: jene Männer (und Frauen), die durch ihren politischen Weitblick, ihr persönliches Charisma und die Kraft ihrer moralischen Ansprüche die Ereignisse zu schmieden scheinen. Allein durch die Kraft ihrer Überzeugung und Persönlichkeit – so glauben viele von uns – bestimmen sie das Tagesgeschehen und bringen so einen Schimmer der Hoffnung in ein ansonsten fremdes, unpersönliches Universum.

Diese Sehnsucht nach vom Schicksal begünstigten Männern oder Frauen in unserem globalen Zeitalter beruht auf drei Faktoren. Der erste betrifft die Komplexität und Verletzlichkeit unserer Welt. Der zweite spiegelt – paradoxerweise – unseren wachsenden Zynismus in Bezug auf Politik und Politiker wider. Und der dritte ist eine Folge unserer Medienkultur und ihrer Fixierung darauf, den Ereignissen ein „Gesicht“ zu geben.

Konfrontiert mit dem Problem, in einem nationalen oder internationalen Umfeld, welches sich dem Einfluss „normaler“ Führer zu widersetzen scheint, positive Veränderungen herbeizuführen, halten wir Ausschau nach einem neuen Alexander, der den Gordischen Knoten lösen und Komplexitäten durch schiere Willenskraft und Dynamik überwinden kann. So erscheint es den Menschen z.B., als seien Strukturreformen in Europa unmöglich – so sie denn nicht von einer Reinkarnation Margaret Thatchers durchgesetzt werden. Im Nahen Osten warten alle darauf, dass unter den Arabern ein neuer Anwar Sadat aufkommen möge.