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Psychische Gesundheit für alle

MELBOURNE – An einem Frühlingsabend im Jahr 1997, zu einer Zeit, da ich als Forscher für psychische Gesundheit an der Australischen Nationaluniversität in Canberra arbeitete, diskutierte ich mit meiner Frau Betty Kitchener - einer diplomierten Krankenschwester, die in ihrer Freizeit für das Rote Kreuz Erste-Hilfe-Kurse gab - die Unzulänglichkeit der konventionellen Erste-Hilfe-Ausbildung. In derartigen Kursen wird auf psychische Notfälle typischerweise nicht eingegangen, wodurch die Teilnehmer auch schlecht darauf vorbereitet sind, Menschen zu helfen, die unter Selbstmordgedanken, Panikattacken, posttraumatischem Stress, Alkohol- oder Drogenproblemen sowie einer verminderten Kontrolle der Realität leiden.

Betty kannte die möglichen Folgen eines derartigen Wissensdefizits aus eigener Erfahrung. Im Alter von 15 Jahren durchlebte sie eine schwere depressive Episode, die in einem Selbstmordversuch gipfelte. Doch ihre Familie und ihre Lehrer erkannten das Problem nicht und so erhielt sie weder Unterstützung noch professionelle Hilfe. Diese fehlende frühzeitige Behandlung beeinträchtigte ihre Erholung und so erlebte sie während ihres weiteren Lebens immer wieder depressive Episoden.

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Um sicherzustellen, dass nicht noch mehr Menschen wie Betty alleine leiden mussten, beschlossen wir, in unserer Gemeinde einen Erste-Hilfe-Kurs für psychische Gesundheit ins Leben zu rufen. Drei Jahre später, als Betty ihre Erwerbstätigkeit reduzierte, um die Grundlagen für einen Erste-Hilfe-Kurs für psychische Gesundheit zu entwickeln, gelang es uns schließlich, mit dem Kurs zu beginnen.

Der Nutzen dieser Initiative wurde rasch deutlich. Evaluierungsstudien zeigten, dass die Teilnehmer dieser Kurse ein stärkeres Bewusstsein für die gesundheitliche Bedeutung psychischer Erkrankungen entwickelten, mehr Vertrauen in ihre Fähigkeit hatten, anderen zu helfen und auch motiviert waren, nach Abschluss des Kurses ihr Wissen anzuwenden. Diese positiven Ergebnisse trugen dazu bei, dass diese Kurse weitere Verbreitung fanden. Im Jahr 2005 wurden Kurse in Australien, Schottland und Hongkong angeboten. Seit damals sind weitere 20 Länder hinzugekommen. Allein in Australien haben über 200.000 Menschen – über 1 Prozent der Bevölkerung – an einem dieser Kurse teilgenommen.

Dieses rasche Wachstum sollte angesichts der weltweiten Häufigkeit psychischer Probleme keine Überraschung sein. In Australien sind etwa 20 Prozent der Erwachsenen jedes Jahr von einem diagnostizierbaren psychischen Problem betroffen, doch viele dieser Menschen erhalten keine professionelle Hilfe. In anderen Industrieländern sehen die Statistiken ähnlich aus. Das heißt, dass jeder Mensch entweder selbst von einem psychischen Problem betroffen ist oder in engem Kontakt mit einem Betroffenen steht. Tatsächlich haben die meisten Menschen wissentlich oder nicht Kontakt mit einer selbstmordgefährdeten Person.

Forschungsergebnisse zeigen, dass die Entscheidung, ob eine betroffene Person professionelle Hilfe erhält oder nicht, maßgeblich von Zuspruch und Grundhaltung der ihr nahestehenden Menschen beeinflusst wird. Menschen mit starken unterstützenden Netzwerken haben eine signifikant bessere Chance gesund zu werden, als diejenigen, deren Probleme nicht wahrgenommen oder bagatellisiert werden. Angesichts dieser Erkenntnis ist es von entscheidender Bedeutung, das allgemeine Bewusstsein und die Akzeptanz zu stärken und gleichzeitig die Fähigkeit der Menschen zu entwickeln, potenzielle psychische Probleme zu erkennen und Hilfe anzubieten.

Diese Notwendigkeit besteht vor allem für diejenigen, die regelmäßig in Kontakt mit jungen Menschen stehen – wie Eltern, Lehrer, Jugendarbeiter und Sporttrainer. Psychische Probleme neigen dazu, in frühen Lebensjahren aufzutreten, wobei die ersten Episoden in der Adoleszenz oder dem frühen Erwachsenenalter in Erscheinung treten – in einer kritischen Entwicklungsphase, während derer die Menschen ihre Ausbildung abschließen, in den Arbeitsprozess eintreten, entscheidende Beziehungen aufbauen und gesundheitsrelevante Gewohnheiten entwickeln. Ohne starkes Unterstützungssystem können psychische Probleme diese Entwicklungen stören und damit die Zukunftsaussichten der Betroffenen zunichte machen.

Obwohl die rasche Verbreitung der Erste-Hilfe-Kurse für psychische Gesundheit dazu beitrug, die Situation in vielen Gemeinden zu verbessern, bleibt noch viel zu tun. Kurzfristig sollte man in allen Industrieländern eine Beteiligungsquote von 1 Prozent an diesen Kursen anstreben, so wie dies in Australien der Fall ist.

Langfristig sollte man sich in allen Ländern zum Ziel setzen, eine Kursbeteiligung zu erreichen, die etwa so hoch liegt wie bei konventionellen Erste-Hilfe-Kursen. In den letzten drei Jahren haben 11 Prozent der Bevölkerung Australiens einen Erste-Hilfe-Kurs für psychische Gesundheit absolviert. Dies zum Teil deshalb, weil man in bestimmten Berufen, wie etwa in der Kinderbetreuung, den Nachweis über die Absolvierung eines derartigen Kurses zu erbringen hat. Die verpflichtende Teilnahme von Menschen in bestimmten Berufen – einschließlich Lehrer an höheren Schulden, Krankenpflegepersonal und Polizisten – an Erste-Hilfe-Kursen für psychische Gesundheit, würde die Beteiligung an diesen Kursen signifikant erhöhen und damit die Unterstützung für die von psychischen Problemen betroffenen Menschen stärken.

Angesichts der begrenzten Verfügbarkeit von Fachkräften auf dem Gebiet psychischer Erkrankungen sind derartige Nachweise in den Entwicklungsländern von noch größerer Bedeutung. Pilotprojekte in ländlichen Gebieten Indiens zeigen, dass der Erste-Hilfe-Ansatz im Bereich psychischer Gesundheit erfolgreich auf die Bedürfnisse von Gemeinden mit begrenzten Ressourcen angepasst werden kann.

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In den Industrieländern ebenso wie in Entwicklungsländern ist das Ausmaß des Problems zu groß, um es ausschließlich Fachkräften aus dem Bereich psychische Gesundheit zu überlassen. Jedes Mitglied einer Gemeinschaft muss befähigt sein, seine eigene psychische Gesundheit sowie auch die anderer Personen zu schützen und zu verbessern.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier