0

Die geopolitischen Folgen der Finanzkrise

PRINCETON: Anleger und Politiker werden in ihrer Besorgnis zunehmend besessener von Analogien zur Großen Depression. Doch die Lehren von 1931 sind nur teilweise finanzieller oder wirtschaftlicher Art. Die Krise von 1931 war so gravierend und so zerstörerisch, weil es sich dabei um ein Finanzdrama handelte, das auf einer geopolitischen Bühne ablief.

Zwei überraschende Schlussfolgerungen ergeben sich aus den heutigen Diskussionen, aber nur eine davon wurde bisher komplett realisiert. Erstens bedarf es umfassender Maßnahmen des öffentlichen Sektors. Zweitens sind derartige Maßnahmen kompliziert, weil in einer globalisierten Welt grenzübergreifende Hilfe erforderlich ist.

Erdogan

Whither Turkey?

Sinan Ülgen engages the views of Carl Bildt, Dani Rodrik, Marietje Schaake, and others on the future of one of the world’s most strategically important countries in the aftermath of July’s failed coup.

Zunächst wurden privatwirtschaftliche Lösungen ausprobiert; diese jedoch sind in atemberaubend kurzer Zeit gescheitert. Zumeist tröstet man sich im Hinblick auf dieses Scheitern damit, dass eine richtig schwere Krise reinigend wirkt. Zahlungsunfähige Unternehmen machen dicht, faule Kredite werden abgeschrieben, und die Kreditgeber können wieder mit frischer Zuversicht ihre Kredite vergeben.

Hank Paulson, der von der stärksten US-Investmentbank, Goldman Sachs, ins US-Finanzministerium wechselte, spekulierte auf diese Reinigung des Marktes, als er die Pleite von Lehman Brothers zuließ. Sein Argument war, dass die USA keine Bailout-Kultur tolerieren könnten. Eine feste Weigerung der Regierung sollte ein Zeichen setzen, dass der größte Teil der US-Wirtschaft im Wesentlichen gesund und die amerikanischen Finanzmärkte ausreichend hoch entwickelt seien, um gesunde Geschäftspraktiken zu erkennen.

Amerikas Finanzminister zur Zeit der Großen Depression war ebenfalls ein Titan des Finanzsektors: Andrew Mellon. Mellons unmittelbare Schlussfolgerung angesichts der Börsenpanik des Jahres 1929 hat in der Folge traurige Berühmtheit erlangt: „Arbeitsplätze liquidieren, Vorräte liquidieren, die Farmer liquidieren, Immobilien liquidieren … die Fäulnis aus dem System waschen.“

Schon jetzt ist klar, dass sich die hochriskante Wette des Jahres 2008 nicht ausgezahlt hat – genau so wenig wie 1929. Im Gegenteil: Die unterlassene Hilfeleistung hat weitere Rettungsaktionen erforderlich gemacht: bei AIG, und bei HBOS in Großbritannien. Und das dürfte noch nicht alles gewesen sein. Es zirkuliert eine Liste, welche Institute wohl als Nächstes zu Fall kommen – oder zu Fall gebracht werden. Die passendste Analogie für diese Art von Stimmung ist Agatha Christies „Zehn kleine Negerlein“, wo jeder Mord die Paranoia steigert.

In einem Finanzsystem, das derart dement geworden ist, können sich nur Institutionen mit mehr oder weniger unbegrenzten Ressourcen gegen den Strom stemmen. Das könnten z.B. Selbsthilfeorganisationen sein wie etwa ein Kartell mächtiger Banken. Tatsächlich versuchte das US-Finanzministerium am 14. September, ein derartiges Kartell auf die Beine zu stellen. 

Doch in einem Klima tief greifender Unsicherheit reicht Selbsthilfe allein nicht aus. Es bedarf der Regierungen oder Notenbanken, denn nur sie sind gleichermaßen groß und schnell genug. Nur sie konnten schnell den riesigen Hypothekeninstituten Fannie Mae und Freddie Mac zur Hilfe kommen, um sich gleich darauf um AIG zu kümmern.

Die zweite Frage ist, welche Art von Regierung der Aufgabe gewachsen ist. Nicht alle genügen den Anforderungen. Die Regierungen mittelgroßer europäischer Länder können möglicherweise mittelgroße europäische Institute retten, doch im Falle wirklich großer Finanzkonglomerate, die im Kern des weltweiten Finanzsystems stehen, haben vermutlich nur zwei Länder die nötige Durchschlagskraft: die USA und China.

Auch unter den ähnlichen Umständen der finanziellen Kernschmelze von 1931 gab es nur eine begrenzte Zahl an Regierungen, die etwas ausrichten konnten. Die alte wirtschaftliche Supermacht – Großbritannien – war zu erschöpft und überfordert, um irgendwem sonst zu helfen. Ein enormer Anteil der weltweiten Reserven war in den USA angehäuft.

Das einzig plausible Szenario für einen Ausweg aus der Großen Depression von 1931 basierte also, wie der große Wirtschaftshistoriker Charles Kindleberger betont hat, auf einem Schritt der USA. Nun gab es damals für die Amerikaner alle möglichen überzeugenden Gründe dafür, sich der Last einer weltweiten Rettungsaktion nicht auszusetzen: Mehr Geld nach Europa zu schicken, hätte ausgesehen, als werfe man das Geld zum Fenster hinaus. Und hatten nicht die Europäer jenen Weltkrieg geführt, der Ursprung und Quelle der Finanzmisere war? Wirtschaftlich gesehen, wäre eine derartige Aktion überaus sinnvoll gewesen – bei langfristiger Betrachtungsweise –; politisch freilich war sie eine Totgeburt ohne jegliche kurzfristige Dividende.

China ist das Amerika dieses Jahrhunderts. Die frühen Stadien der Kreditverknappung von 2007 wurden so scheinbar schmerzlos bewältigt, weil Staatsfonds aus dem Nahen Osten, vor allem aber aus China bereit waren, in die Bresche zu springen und verschuldete amerikanische und europäische Institute mit frischem Geld zu versorgen. Der Schlüsselmoment der aktuellen Ereignisse war die Weigerung der chinesischen SWF China Investment Co., ihre Sondierung eines Kaufs von Lehman Brothers weiterzuführen. CICs Rückzieher wird irgendwann als ein Moment gelten, an dem die Geschichte eine andere Richtung hätte nehmen können.

Support Project Syndicate’s mission

Project Syndicate needs your help to provide readers everywhere equal access to the ideas and debates shaping their lives.

Learn more

Nun wird es für den Rückzieher der Chinesen eine Menge Gründe gegeben haben. Die Logik klingt wie im Fall der Amerikaner 1931. Einige der Argumente, die derzeit durch Peking widerhallen, sind durchaus vernünftig: Es gibt eine Menge Unsicherheiten, und die Staatsfonds könnten sehr viel Geld verlieren. CIC hätte zunächst mit Lehman Geld verloren. Andere Gedankengänge sind eher emotionaler Art: Könnte 2008 nicht die Rache für das amerikanische Missmanagement der Ostasienkrise von 1997-1998 sein?

Wir werden sehen, welche Interessen China wirklich am Überleben der globalisierten Weltwirtschaft hat. Wie 1931 sprechen alle politischen Argumente gegen eine derartige Operation. Nur wer weitsichtig ist, wird erkennen, dass die wirtschaftlichen Argumente für eine Rettung zwingend sind.