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Die Zukunft Europas

CAMBRIDGE, MASS.: In der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zerriss sich Europa in zwei Kriegen selbst und zerstörte seine zentrale Rolle in der Weltpolitik. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts sahen weit blickende Führer über die Rache hinaus und errichteten allmählich die Institutionen der europäischen Integration. Dass Frankreich und Deutschland einander erneut bekämpfen könnten, erscheint unvorstellbar, und die Entwicklung der Europäischen Union hat Europas Attraktivität und Soft Power in der Welt enorm gestärkt. Unglücklicherweise wird diese historische Leistung derzeit in Frage gestellt.

Im Mai 2010 verloren die Finanzmärkte das Vertrauen in die Fähigkeit Griechenlands, sein Haushaltsdefizit zu bewältigen und seine Schulden zurückzuzahlen. Die Furcht vor einem Zahlungsausfall begann, andere Länder in Mitleidenschaft zu ziehen – von den 16 Mitgliedsstaaten der Eurozone etwa Portugal und Spanien. Als Reaktion vereinbarten die europäischen Regierungen, die Europäische Zentralbank und der Internationale Währungsfonds, um die Finanzstürme zu beruhigen, ein Rettungsprogramm für die Eurozone im Umfang von € 700 Milliarden.

Während diese Intervention einen vorläufigen Aufschub brachte, hält an den Finanzmärkten die Unsicherheit an. Im vergangenen Monat erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass, falls der Euro scheitere, „nicht nur die Währung scheitert … Europa wird scheitern, und mit ihm die Idee der europäischen Einheit.”

Die europäische Einheit sieht sich schon jetzt erheblichen Beschränkungen ausgesetzt. Die fiskalpolitische Integration ist begrenzt. Die nationalen Identitäten bleiben, trotz sechs Jahrzehnten der Integration, stärker als die gemeinsame europäische Integrität, und nationale Interessen spielen, auch wenn sie im Vergleich zur Vergangenheit von geringerer Bedeutung sind, noch immer eine wichtige Rolle.