Die vergessene Seite des Krieges gegen den Terror

Währen der letzten zehn Jahre – insbesondere seit den Anschlägen vom 11. September 2001 auf die Vereinigten Staaten – haben die Menschen im Westen den Terrorismus im Allgemeinen als drängendste Bedrohung der menschlichen Sicherheit betrachtet. Entsprechend wurden enorme Ressourcen mobilisiert und ausgegeben, um seinen vielen Formen entgegenzutreten.

Unglücklicherweise jedoch unterstreichen die von den USA geführte Invasion Afghanistans und die anschließende, ohne Billigung der UNO erfolgte Invasion im Irak die Vorrangstellung militärischer Lösungen im strategischen Denken der wohlhabenden Länder. Gleichzeitig haben die Entwicklungsländer weiter mit fortdauernder Massenarmut, weit verbreiteten Krankheiten, Unterernährung, der zunehmenden Schädigung der Umwelt und enormen Ungleichheiten beim Einkommen zu kämpfen – und all dies führt zu deutlich mehr menschlichem Leid, als durch Terrorangriffe verursacht wurde.

Wir müssen uns also erneut mit den heutigen globalen Herausforderungen auseinander setzen – diesmal aus dem Blickwinkel der Dritten Welt. Tatsächlich kennen wir inzwischen eine grundlegende Lehre von Terroranschlägen und Aufstandsbewegungen: Keine Nation, wie unabhängig sie auch sein mag, kann es sich heute noch leisten, der Frage, ob andere schwimmen oder untergehen, weiter achtlos gegenüberzustehen.

Für einen Großteil der sich entwickelnden Welt gilt: Die grundlegende Instabilität internationaler Beziehungen – aufgrund von Terroranschlägen, Guerillakrieg und jenen Präventivkriegen, mit denen Amerika seinen Feinden droht – verstärkt sozioökonomische Ängste und heizt die Zweifel über die Vorteile der Globalisierung an. Auf jeden Fall beginnen wir alle derzeit zu begreifen, wie anfällig dieser Prozess ist – wie leicht die Marktmechanismen durch auf wirtschaftlicher Ausbeutung, politischer Unterdrückung und sozialer Ungerechtigkeit beruhende kulturelle Ressentiments zurückgedrängt werden können.

Die Menschen in den Industrieländern sind pro Kopf bereits schätzungsweise 74-mal so reich wie jene in den ärmsten Ländern. Ein Viertel der Weltbevölkerung lebt noch immer von umgerechnet unter einem US-Dollar pro Tag, und nach Aussage der Weltbank entspricht die tägliche Kaufkraft von 1,2 Milliarden Menschen etwa dem Preis eines Hamburgers, zweier Softdrinks oder dreier Schokoriegel im Westen. 815 Millionen Menschen, darunter 200 Millionen Kinder unter fünf Jahren, gehen laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO jede Nacht hungrig schlafen.

Offensichtlich muss es eine Intensivierung des Kampfes gegen die weltweite Armut geben, die sich zu einer Brutstätte der Verbitterung, des Neids und der Verzweiflung entwickelt hat – und damit zu einem jederzeit verfügbaren Reservoir von Gewalt und Selbstmordattentätern.

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Die Übereinkunft der G8-Staaten vom vergangenen Jahr, den 18 ärmsten Ländern – 16 in Afrika und zweien in Lateinamerika – ihre Schulden zu erlassen, ist ein großartiger, aber nicht ausreichender Beginn. Die 100 höchstverschuldeten Länder finden es zunehmend schwieriger, ihre gemeinsame Schuldenlast von 2,3 Billionen US-Dollar zu bedienen, und sind daher kaum imstande, jene im Rahmen der UNO-Milleniumsziele beschriebenen nationalen Programme (MDG-Programme) zu finanzieren, mit welchen die weltweite Armut bis 2015 halbiert werden soll.

Wenn wir die weltweite Kluft im Bereich der persönlichen Sicherheit und des wirtschaftlichen Wohlergehens schließen wollen, dann muss die Staatengemeinschaft ein neues Ethos gegenseitiger Verantwortung kultivieren. Die philippinische Regierung hat vorgeschlagen, alle anstehenden Zahlungen für einen festgelegten Zeitraum zu halbieren und die Differenz zur Aufforstung, für sauberes Wasser, die Lebensmittelherstellung, die gesundheitliche Primärversorgung, eine grundlegende Bildung, Straßen von den Höfen zu den Märkten, einen ökologisch vernünftigen Tourismus, Mikrokredite und ähnliche MDG-Projekte zu investieren. Was die Kreditgeber angeht, so könnten die Schulden – soweit irgend möglich – in Beteiligungen an potenziell gewinnträchtigen MDG-Projekten umgewandelt werden; zugleich würde so die Fähigkeit der armen Länder zur Eigenständigkeit gestärkt.

Eigenständigkeit allerdings ist unmöglich, solange die reichen Länder nur dann für freie Märkte und freien Handel eintreten, wenn es ihnen passt. Selbst UN-Generalsekretär Kofi Annan hat gewarnt, dass die ungebremste Flut der Globalisierung möglicherweise nicht alle Boote anheben werde, sondern nur die Jachten – und dabei eine Menge von Kanus zum Kentern bringen könnte.

Die krasseste Ungerechtigkeit besteht dabei im Versäumnis der USA und der Europäischen Union, ihre Versprechen vom Marktzugang für landwirtschaftliche Exporte aus den armen Ländern in wesentlichem Umfang umzusetzen. Der ehemalige Direktor des UNO-Entwicklungsprogramms Bimal Ghosh hat eine berühmt gewordene Rechnung aufgestellt: Die täglichen Subventionen für jede Kuh in der EU – gegenwärtig € 2,50 – übersteigen das Tageseinkommen von Millionen von armen Menschen auf der ganzen Welt. Die armen Länder argumentieren, dass eine umfassendere Liberalisierung in der EU, den USA und Japan allein bis 2015 einen Nutzen von bis zu 142 Milliarden US-Dollar erbringen würde.

Die G8-Staaten und das von Amerika geführte weltweite Bündnis dürfen nicht lediglich danach trachten, den Terror zu besiegen. Sie müssen sich allen Aspekten menschlicher Sicherheit widmen, einschließlich des Wohlergehens der Menschen und der Sicherheit ihrer Wohnungen, Nachbarschaften und Arbeitsplätze. Und sie müssen die Unterstützung der Menschen durch die Kraft ihrer Werte und Ideale gewinnen – nicht bloß, indem sie Terroristen und Extremisten isolieren, sondern indem sie auf sinnvolle Weise dazu beitragen, dass es den armen Ländern besser geht.

Vor allem müssen diejenigen, die uns heute führen, eine wirklich neue Weltordnung schaffen, welche alle Völker beteiligt – mit Würde und unter Gewährleistung fairer Bedingungen.

https://prosyn.org/7mqacvvde