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Der Angstfaktor in den US-chinesischen Beziehungen

Laut Meinungsumfragen glaubt ein Drittel der Amerikaner, das China „bald die Welt dominieren“ wird, und fast die Hälfte betrachtet Chinas Aufstieg als eine „Bedrohung des Weltfriedens“. Viele Chinesen ihrerseits fürchten, dass die Vereinigten Staaten ihren „friedlichen Aufstieg“ nicht hinnehmen werden. Amerikaner wie Chinesen müssen derart überzogene Ängste vermeiden; der Erhalt guter Beziehungen zwischen den USA und China wird in diesem Jahrhundert eine zentrale Determinante für die globale Stabilität sein.

Die vielleicht größte Bedrohung der bilateralen Beziehungen ist der Glaube an die Unausweichlichkeit eines Konflikts. Der Verlauf der menschlichen Geschichte zeigt, dass immer dann, wenn eine aufstrebende Macht bei ihren Nachbarn und bei anderen Großmächten Ängste weckt, diese sich zur Ursache von Konflikten entwickeln. Unter solchen Umständen können scheinbar belanglose Ereignisse eine unvorhergesehene und katastrophale Kettenreaktion auslösen. 

Die größten Aussichten auf einen destabilisierenden Vorfall ergeben sich heute aus den komplexen Beziehungen über die Straße von Taiwan hinweg. China betrachtet Taiwan als integralen Bestandteil seines Territoriums, der seit den Tagen des chinesischen Bürgerkrieges Schutz bei der US-Marine sucht, und hat geschworen, jede taiwanesische Unabhängigkeitserklärung mit Gewalt zu beantworten.

Die USA stellen Chinas Souveränität nicht in Frage, aber sie wollen eine friedliche Lösung, die Taiwans demokratische Institutionen erhält. In Taiwan selbst gibt es ein wachsendes Gefühl nationaler Identität, aber eine scharfe Kluft zwischen den Pragmatikern der Pan-Blauen Koalition, die anerkennen, dass die geografische Lage Taiwans einen Kompromiss mit dem Festland unabdingbar macht, und der herrschenden Pan-Grünen Koalition, deren Mitglieder in unterschiedlichem Maße nach Unabhängigkeit streben.