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Die Ethik des Essens

Der weltweite Fleischverbrauch, so die Prognosen, wird sich bis zum Jahr 2020 verdoppeln. Allerdings wächst in Europa und Nordamerika die Besorgnis über die Ethik in der Fleisch- und Eierproduktion. Der Kalbfleischverbrauch ist stark gesunken seit allgemein bekannt wurde, dass man zur Produktion von so genanntem „weißen“ – eigentlich blassrosafarbenen – Kalbfleisch, neugeborene Kälber sofort von ihren Müttern trennt, sie absichtlich anämisch hält, ihnen keine Ballaststoffe füttert und sie in Verschlägen hält, die so eng sind, dass sie sich darin nicht bewegen oder umdrehen können.

In Europa hat der Rinderwahnsinn viele Menschen schockiert, aber nicht nur, weil Rindfleisch dadurch sein Image als sicheres und gesundes Nahrungsmittel verlor, sondern auch, weil man erfuhr, dass die Krankheit durch die Verfütterung von Hirnen und Nervengewebe von Schafen an Rinder ausgelöst wurde. Menschen, die naiverweise glaubten Rinder würden Gras fressen, mussten feststellen, dass Mastrinder mit allem Möglichen gefüttert werden. Die Palette reicht von Mais über Fischmehl, Hühnerabfälle (inklusive Kot) bis hin zu Schlachthausabfällen.

Aleppo

A World Besieged

From Aleppo and North Korea to the European Commission and the Federal Reserve, the global order’s fracture points continue to deepen. Nina Khrushcheva, Stephen Roach, Nasser Saidi, and others assess the most important risks.

Die Besorgnis darüber, wie wir Nutztiere behandeln, ist bei weitem nicht auf jenen kleinen Kreis von Menschen beschränkt, die sich vegetarisch oder gar vegan – also gänzlich ohne tierische Produkte – ernähren. Trotz starker ethischer Argumente, die für den Vegetarismus sprechen, ist dieser Lebensstil noch nicht mehrheitsfähig. Weiter verbreitet ist da schon die Ansicht, dass unser Fleischkonsum zu rechtfertigen sei, solange die Tiere vor ihrer Schlachtung ein annehmbares Leben führen können.

Das Problem dabei ist aber, dass Tiere in der industriellen Landwirtschaft nicht einmal ansatzweise ein annehmbares Leben haben, wie auch von mir und Jim Mason in unserem aktuellen Buch The Way We Eat beschrieben. Milliarden Hühner, die heutzutage produziert werden, sehen ihr Leben lang kein Tageslicht. Sie werden gezüchtet, um unaufhörlich zu fressen und damit so schnell wie möglich an Gewicht zuzulegen. Sie fristen ihr Dasein in Hallen mit über 20.000 Hühnern. Aufgrund des herumliegenden Hühnerkots ist der Ammoniakgehalt in der Luft so hoch, dass es zu Augenbrennen und Atemnot kommt. Im Alter von nur 45 Tagen werden die Hühner geschlachtet, wobei ihre unterentwickelten Knochen ihr Körpergewicht kaum tragen können. Manche brechen überhaupt vorher schon zusammen und verenden, weil sie nicht mehr in der Lage sind, an Futter oder Wasser zu gelangen. Ihr Schicksal ist jedoch für die Ökonomie des Gesamtunternehmens irrelevant.

Legehühner sind noch schlechter dran, wenn das überhaupt möglich ist, denn sie werden in Drahtkäfige gepfercht, die so klein sind, dass nicht einmal ein Huhn darin seine Flügel ausbreiten könnte. In derartigen Käfigen befinden sich allerdings mindestens vier Hennen und oft sogar noch mehr. Unter derartig beengten Verhältnissen neigen die dominanteren, aggressiveren Hühner dazu, andere zu Tode zu hacken. Um das zu verhindern, wird den Hühnern mit einer heißen Klinge der Schnabel weggebrannt. Und obwohl der Schnabel eines Huhns empfindlich und voller Nerven ist – er ist immerhin ihr wichtigstes Instrument, mit der Umwelt in Kontakt zu treten – werden bei dieser Prozedur weder Betäubungs- noch Schmerzmittel eingesetzt.

Schweine sind die vielleicht intelligentesten und sensibelsten Tiere, die wir essen. Am ländlichen Hof können sie diese Intelligenz bei der Futtersuche und der Erkundung ihrer Umwelt einsetzen. Vor der Geburt bauen die Sauen ein Bett aus Stroh, Blättern und Zweigen, wo sie dann ihre Ferkel säugen.

In den landwirtschaftlichen Industriebetrieben von heute werden trächtige Sauen in Kastenständen gehalten, die so eng sind, dass sich die Tiere nicht einmal umdrehen oder mehr als einen Schritt vor und zurück bewegen können. Sie liegen ohne Stroh oder einer anderen Unterlage auf nacktem Beton. Die Ferkel werden der Muttersau so schnell wie möglich weggenommen, so dass sie wieder trächtig werden kann. Bis zum Schlachttermin verlassen die Schweine niemals ihren Stall.

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Verteidiger derartiger Produktionsmethoden argumentieren, dass diese Zustände zwar bedauerlich, aber notwendig seien, um die wachsende Bevölkerung mit Nahrung zu versorgen. Das Gegenteil trifft zu: Wenn wir Tiere in Tierfabriken einsperren, müssen wir für sie Futter anbauen. Die Tiere verbrennen die meiste Nahrungsenergie, um zu atmen oder um ihre Körpertemperatur aufrecht zu erhalten. Wir erhalten am Ende daher nur einen kleinen Teil – nicht mehr als ein Drittel und manchmal auch nur ein Zehntel - jenes Nährwertes, den wir an sie verfüttern. Im Gegensatz dazu fressen Kühe auf der Weide Nahrung, die wir nicht verdauen können. Das bedeutet, dass sie das für uns verfügbare Nahrungsangebot vergrößern.

Es ist eine Tragödie, dass Länder wie China und Indien mit zunehmendem Wohlstand die westlichen Methoden nachahmen und Tiere in riesige Tierfabriken pferchen, um mehr Fleisch und Eier für ihre wachsende Mittelschicht zu produzieren. Wenn dieser Trend anhält, wird es in diesen Ländern noch größeres Tierleid geben als jetzt im Westen, es wird zu gravierenden Umweltschäden und einem Anstieg bei Herzkrankheiten und Krebserkrankungen des Verdauungstrakts kommen. Außerdem ist ein solches System höchst ineffizient. Als Verbraucher haben wir die Macht – und die moralische Verpflichtung – jenen Methoden der Tierhaltung unsere Unterstützung zu verweigern, die grausam für Tiere und schlecht für den Menschen sind.