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Erste Lektionen aus der ‘Neuen Wirtschaft’

CAMBRIDGE: Debatten über die ‘Neue Wirtschaft’ gibt es schon seit Jahren. Wirkliche Schlussfolgerungen sind aber erst jetzt möglich. Basierend auf den Vorteilen der Informationstechnologie wurde die ‘Neue Wirtschaft’ Wirklichkeit und hat weltweit Industrie und Dienstleistungen neu gestaltet, was sich am deutlichsten an der US-amerikanischen Produktivität der letzten Jahre zeigt. Gleichzeitig jedoch müssen die durch die ‘Neue Wirtschaft’ bedingten Wertsteigerungen auf dem Aktienmarkt als unwirklich bezeichnet werden. Sie reflektieren eher eine Art spekulative Luftblase als fundamentale Wertsteigerungen. Eine dritte Erkenntnis liegt darin, dass – wie viele Technologien – Annahme und Verbreitung von Informationstechnologien nicht nur von den Kräften des privaten Marktes abhängen, sondern auch von der staatlichen Regierung. In den Vereinigten Staaten, die sich selbst als eine Bastion der freien Unternehmerschaft darstellen, befolgt die Revolution der Informationstechnologie mittels eines Zusammenspiels aus industrieller Politik und Marktkräfte. Auch andere Länder sollten ihre nationale Strategie anpassen, um die neuen Technologien noch schneller aufnehmen zu können.

Die Realität der ‘Neuen Wirtschaft’ läßt sich am besten an den Zahlen des wirtschaftlichen Wachstums und der Produktivität der Vereinigten Staaten beweisen, weil sich die ‘Neue Wirtschaft’ dort am deutlichsten entwickelt hat. Vor noch ungefähr fünf Jahren beklagten die amerikanischen Wirtschaftler ein sinkendes Wachstum, einen Rückgang des Produktivitätswachstums, der in den 70ern begonnen hatte. Studien schienen zu belegen, dass die Revolution in der Computerbranche ein wenig zu der Produktionsverbesserung beigetragen hat.

Wirtschaftsgeschichtler warnten, dass es viele Jahre dauern würde, bis die neuen Technologien sich als echte Verbesserungen auf dem Feld der Industrieproduktion zeigen würden. Das stimmte für die vergangenen grossen Technologiesprünge. Mitte der 90er bewiesen sich die Vorhersagen als ziemlich korrekt. Das Produktionswachstums begann von rund 1.5% im Jahr auf rund 3% im Jahr zu steigen. Höheres Wachstum schlug sich im Anstieg des Bruttosozialproduktes nieder, das von rund 2.5% im Zeitraum 1990-96 auf 4% seit 1997 anstieg.

Der verdiente Enthusiasmus für die ‘Neue Wirtschaft’ führte zu einem weniger verdienten Enthusiasmus für die Aktienpreise der Informationstechnologieunternehmen. Es besteht ein immenser Unterschied zwischen dem Produktivitätswachstum und dem Gewinn als solchem. Dieser Aspekt wurden von vielen Marktenthusiasten einfach ignoriert. Auch wenn die Zugewinne in der Produktivität oft sehr wahrscheinlich bestehen bleiben, werden die meisten Gewinne für den Konsumenten in Form niedriger Preise bestehen oder für die Arbeiter in Form höherer Löhne, die sich zu den Preisen relativ verhalten – dies jedenfalls wird eher geschehen, als dass die Firmen höhere Gewinne erzielen werden. Und dies basiert auf einem grundlegenden Aspekt der Internettechnologie: hier nämlich können neue Firmen frei in den Wettbewerb eintreten, der dadurch auf einem sehr hohen Level gehalten wird. Einer der Ersten des Internetgeschäfts, der elektronische Buchladen ‚Amazon.com’, wird immer einen gewissen Vorteil haben, aber dieser wird sich sicher auf einem mässigen Niveau befinden, weil das Potential der neu hinzukommenden Firmen die Profite immer niedrig halten wird. In der Tat hat auch ‚Amazon.com’ seine Einnahmen in den letzten Jahren steigern und Verlusten damit entgegenwirken können. Die jüngsten Unruhen auf dem amerikanischen Aktienmarkt, die sich schnell auf die ganze Welt ausgebreitet haben, sind erste Anzeichen dafür, dass die Marktteilnehmer im Angesichte dieser grundlegenden Fakten aufwachen.