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Der wirtschaftliche Nutzen der Krankheitsbekämpfung

San Francisco: Große Teile der Welt profitieren bisher nicht von den bemerkenswerten Fortschritten im Bereich der Gesundheit, die während des vergangenen Jahrhunderts erzielt wurden. Tatsächlich wären in den verarmten Ländern Millionen von Todesfällen vermeidbar durch Vorsorge- und Behandlungsoptionen, die die reiche Welt heute schon einsetzt.

In diesem Jahr werden in den Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen zehn Millionen Kinder sterben. Wären die Todesraten für Kinder dort dieselben wie in den reichen Ländern, wären es weniger als eine Million. Andererseits: Wären es dieselben wie in den reichen Ländern vor nur 100 Jahren, wären es 30 Millionen.

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Der wesentliche Unterschied zwischen heute und damals ist nicht das Einkommen, sondern das technische Wissen über Krankheitsursachen und Eingriffe, mit denen sich Krankheiten oder zumindest ihre schlimmsten Symptome vermeiden lassen. Die heutigen Hilfsmittel zur Verbesserung der Gesundheit sind so leistungsstark und preiswert, dass die gesundheitliche Lage selbst in den armen Ländern relativ gut sein könnte, wenn die Politiker das relativ wenige Geld bloß an der richtigen Stelle ausgeben würden.

Jüngste Untersuchungen für den Kopenhagener Konsens haben sechs hochgradig kosteneffektive Optionen aufgezeigt, mit denen sich einige der drängendsten Gesundheitsprobleme unseres Planeten bekämpfen ließen. Die vielversprechendste Investition ist die Tuberkulosebehandlung. Etwa 90% der 1,6 Millionen tuberkulosebedingten Todesfälle ereigneten sich in Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen. Da die Tuberkulose Menschen im Erwerbsalter befällt, kann sie zur Verarmung der betroffenen Haushalte führen.

Eckstein der Tuberkulosebekämpfung ist die prompte Behandlung mit Standardmedikamenten. Dazu bedarf es keines hoch entwickelten Gesundheitssystems. Ausgaben in Höhe von einer Milliarde Dollar pro Jahr für die Tuberkulosebehandlung würden eine Million Leben retten. Da mit guter Gesundheit langfristig ein größeres Maß an nationalem wirtschaftlichem Wohlstand einhergeht, ergibt sich ein wirtschaftlicher Nutzen von 30 Milliarden Dollar.

Die zweitkosteneffektivste Investition ist die Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Herzerkrankungen mögen auf den ersten Blick nicht wie ein drängendes Problem für arme Länder aussehen, doch verursachen sie mehr als ein Viertel aller Todesfälle. Maßnahmen zur Reduzierung der Risikofaktoren mit Ausnahme des Rauchens – zu nennen sind hier der hohe Konsum von gesättigten tierischen Fetten, Fettleibigkeit, exzessiver Alkoholkonsum, körperliche Untätigkeit und niedriger Obst- und Gemüseverzehr – waren bisher wenig erfolgreich. 

Die Behandlung akuter Herzanfälle mit preiswerten Medikamenten jedoch ist kosteneffektiv. Mit Ausgaben in Höhe von 200 Millionen Dollar ließen sich mehrere hunderttausend Todesfälle vermeiden, und der Nutzen wäre 25 Mal höher als die Kosten.

Die dritte Option ist die Prävention und Behandlung der Malaria. Eine Milliarde Dollar würden ausreichen, um die Beschaffung insektizidbehandelter Schlafnetze auszuweiten und die Bereitstellung hochgradig effektiver Medikamente zu erleichtern. Dies würde mehr als einer Million Kindern das Leben retten und hätte einen wirtschaftlichen Nutzen von 20 Milliarden Dollar. Die im Aufbau begriffene Initiative Affordable Medicines Facility-malaria (AMFm) ist ein besonders attraktiver Mechanismus des Einsatzes von Ressourcen zur Malariabekämpfung.

Die vierte Alternative für die Politik ist der Fokus auf Initiativen zur Förderung der Gesundheit von Kindern. Die besten Maßnahmen sind bekannt: Ausweitung von Impfungen, Förderung des Stillens, vermehrter Einsatz einfacher und billiger Medikamente gegen Durchfall und kindliche Lungenentzündung, Gewährleistung einer weiten Verbreitung von zentralen Mikronährstoffen und Ausweitung des Einsatzes von antiretroviralen Medikamenten und Muttermilch-Ersatzpräparaten zur Vermeidung der HIV-Übertragung von Müttern auf ihre Kinder.

Die möglicherweise entscheidendsten Maßnahmen dürften die Ausweitung des Impfschutzes und die Versorgung mit Mikronährstoffen sein. Ausgaben in Höhe von einer Milliarde Dollar für derartige Initiativen könnten jährlich eine Million Leben retten und hätten einen wirtschaftlichen Nutzen von mehr als 20 Milliarden pro Jahr.

Die nächste Option bestünde in der Verringerung der Zahl tabakbedingter Todesfälle. Schreibt man die derzeitigen Entwicklungsmuster fort, wird der Zigarettenkonsum 2030 zehn Millionen Menschenleben pro Jahr fordern, die meisten davon in den armen Ländern.

Etwa 100 Millionen der 200 Millionen jungen männlichen Raucher in China und etwa 40 Millionen der 100 Millionen jungen männlichen Raucher in Indien werden letztlich an tabakbedingten Ursachen sterben. Ein mehrdimensionaler Ansatz zur Bekämpfung des Rauchens ist eine der wenigen bewährten Strategien zur Vermeidung von Herzerkrankungen und Krebs. Besonders effektiv ist eine Tabaksteuer, da eine 10%ige Erhöhung des Preises eine Verringerung des Konsums um 4-8% bewirkt.

Maßnahmen gegen die Ausbreitung von HIV/AIDS sind die sechste Option. In Dutzenden von Ländern bedroht die AIDS-Epidemie jeden Aspekt der Entwicklung. Aber es gibt auch gute Nachrichten: Die HIV-Infektionsraten gehen in großen Teilen Asiens und Lateinamerikas zurück, was auf die (sehr ungleiche) Ausweitung von Präventionsprogrammen zurückzuführen zu sein scheint.

Die größten Erfolge bei der Prävention die umfassen so genannte „Kombiprävention“, die den gleichzeitigen, deutlichen Ausbau verschiedener Interventionsmaßnahmen beinhaltet, darunter die Verteilung von Kondomen, die Behandlung von Geschlechtskrankheiten, die männliche Beschneidung und Peer-Interventionen bei Prostitutionen. Die Vermeidung von zwei Millionen HIV-Infektionen wäre mit Kosten von 2,5 Milliarden Dollar relativ teuer, ihr wirtschaftlicher Nutzen jedoch wäre zwölfmal höher.

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Die Veränderungen, für die wir eintreten, sind darauf ausgelegt, bestimmte Erfordernisbereiche ins Visier zu nehmen, statt die Kapazität der Gesundheitssysteme auszuweiten. Eine wichtige Ausnahme gibt es freilich: Die Stärkung der chirurgischen Kapazitäten insbesondere der lokalen Krankenhäuser kann auf preiswerte (und häufig entscheidende) Weise Blinddarmerkrankungen bekämpfen. Lange vernachlässigte Investitionen in chirurgische Kapazitäten hätten hohe Renditen zur Folge.

Und selbst wenn die Kosten all dieser Initiativen zwei- bis dreimal höher wären, als unsere Schätzungen ergeben haben: Diesen Maßnahmen böten trotzdem noch immer fantastische Chancen, die gesundheitliche Ungleichheit zu verringern und in der Welt Gutes zu tun.