Die Europäische Zentralbank und Europas Aufschwung

CAMBRIDGE: Europa befindet sich wachstums- und stimmungsmässig in einem Aufschwung. Aber wie lange wird der anhalten? Die Europäische Zentralbank (EZB) hat, mit der Nervosität, die von einem Neuling zu erwarten war, schon mal einen voreiligen Schuß in Richtung auf eine nach wie vor unsichtbare Inflation abgefeuert. Wird sie jetzt erst einmal abwarten, ob sich die Inflation deutlich abzeichnet, bevor sie eine weitere Salve abgibt? Oder wird die EZB beim ersten Grummeln einer anziehenden Konjunktur ihr Pulver verschießen — aus lauter Angst, dass man ihr nachsagen könnte, sie weiche dem Kampf aus oder sei nicht auf der Hut gewesen?

Es könnte wohl sein, dass die EZB allgemein mit einer Politik überrascht, die pragmatisch und erfolgreich ist, nach Art des amerikanischen Zentralbankrats mit Alan Greenspan an der Spitze. Allerdings sollte die EZB nicht davon ausgehen, in der gleichen Weise populär zu werden, wie es Greenspan ist. Sie sollte lediglich versuchen, Erfolg zu haben. Und im derzeitigen Stadium kann Erfolg nur dies heißen, dass die Inflationsrate unter 2 Prozent bleibt. Alles andere, wozu auch das Ausbleiben eines anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwungs gehört, geht auf das Konto von Europas Angebotsseite.

Schon ein Jahr nach ihrer Gründung hat die EZB sicheren Boden gefunden: sie beherzigt den Rat des früheren Bundesbankchefs Hans Tietmeyer hinsichtlich einer eigenen „Reisegeschwindigkeit“ für Europas Wirtschaft. Um die Inflationsrate unter 2 Prozent zu halten, darf diese Reisegeschwindigkeit keinesfalls über 1,5 Prozent liegen. Dies läßt gerade genug Spielraum für etwaige Zwischenfälle, die eine Inflation mitauslösen könnten, die aber doch unter 2 Prozent bliebe.

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