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Die Leugnung der Kaste

Dekonstruktivismus hat als intellektuelles Instrument an Universitäten überall im Westen gewütet. Deepak Lal meint, dass diese Strömung jetzt die Entwicklungsländer in ihren Bann zieht und starken Einfluss beim Umschreiben der indischen Geschichte ausübt.

Die Geschichte des Altertums und des Mittelalters Indiens ist für ihre Formbarkeit bekannt. Die Hindu-Nationalisten des Landes lösten den jüngsten Skandal über das Wesen der indischen Vergangenheit aus. Sie lehnen die allgemein anerkannte, auf frühen heiligen Schriften basierende Ansicht ab, dass das Schlachten von Rindern nicht durch Gläubige des Altertums verboten war und dass ein solches Verbot vermutlich erst um das fünfte und sechste Jahrhundert n. Chr. in den Moralkodex der Hindus aufgenommen wurde, als die späteren Puranas geschrieben wurden.

Die Schwierigkeit zu endgültigen Schlussfolgerungen über diesen oder jeden anderen umstrittenen Aspekt der fernen Vergangenheit Indiens zu gelangen besteht darin, dass es, anders als im benachbarten China, dabei kaum objektive, historische Aufzeichnungen gibt, auf die man sich stützen könnte. Einige archäologische Beweise existieren. Doch die hauptsächlichen Quellen für das Indien des Altertums sind mündlich überlieferte Berichte, die aus der Zeit des Rigveda (ca. 1500-1300 v. Chr.) stammen und die subjektiven Aufzeichnungen ausländischer Reisender. Die Gesellschaftsgeschichte des alten Indiens, so das Eingeständnis eines Wissenschaftlers, ``scheint eine Reihe von Vermutungen und Spekulationen zu sein''.

Es ist deshalb nicht weiter überraschend, dass die ferne Vergangenheit Indiens so manipuliert werden kann, dass sie verschiedene, vorgefasste ideologische Überzeugungen bedient. Dies wird speziell bei Diskussionen um die Ursprünge und das Wesen des indischen Kastensystems deutlich.