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Amerikas Scheuklappen

SINGAPUR – Es ist an der Zeit, das Undenkbare zu denken: das Zeitalter der amerikanischen Vorherrschaft auf internationaler Ebene könnte nun wohl zu Ende gehen. Angesichts des Herannahens dieses Moments lautet die wichtigste Frage, wie gut die Vereinigten Staaten darauf vorbereitet sind.

Asiens Aufstieg in den letzten Jahrzehnten ist mehr als nur eine Geschichte des raschen Wirtschaftswachstums. Vielmehr handelt es sich um die Geschichte einer Region, die eine Renaissance erlebt, im Zuge derer sich die Menschen wieder öffnen und verbesserten Perspektiven entgegensehen. Asiens Vormarsch in Richtung seiner früheren zentralen Rolle in der Weltwirtschaft verfügt über eine derartige Dynamik, dass er praktisch unaufhaltsam erscheint. Obwohl der Übergang vielleicht nicht immer reibungslos verläuft, bestehen keine Zweifel mehr, dass sich am Horizont ein asiatisches Jahrhundert abzeichnet und dass sich die Chemie der Welt grundlegend verändern wird.

Führende Persönlichkeiten der Welt – ob politische Entscheidungsträger oder Intellektuelle – tragen die Verantwortung, ihre jeweiligen Gesellschaften auf diese bevorstehenden globalen Veränderungen vorzubereiten. Doch zu viele amerikanische Führungspersönlichkeiten drücken sich vor dieser Verantwortung.

Im Rahmen des letztjährigen Weltwirtschaftsforums in Davos nahmen zwei US-Senatoren, ein Abgeordneter des Repräsentantenhauses und ein stellvertretender nationaler Sicherheitsberater an einem Forum über die Zukunft der Macht Amerikas teil (ich war der Vorsitzende). Als man die erwähnten Teilnehmer fragte, wie sie die Zukunft der amerikanischen Macht beurteilen, erklärten sie erwartungsgemäß, dass die USA das mächtigste Land der Welt bleiben würden. Als man sie jedoch mit der Frage konfrontierte, ob Amerika vorbereitet sei, die zweitgrößte Volkswirtschaft zu werden, gaben sie sich zugeknöpft.