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Warum sich Indiens Wirtschaftswachstum verlangsamt hat

NEU-DELHI – Für ein Land, das so arm ist wie Indien, sollte Wachstum das sein, was die Amerikaner einen „no-brainer“ nennen, eine offensichtliche Wahl. Es geht in weiten Teilen darum, öffentliche Güter bereitzustellen: eine anständige Staatsführung, Sicherheit von Leben und Besitz und eine grundlegende Infrastruktur wie Straßen, Brücken, Häfen und Kraftwerke sowie Zugang zu Bildung und grundlegender Gesundheitsversorgung. Anders als viele ähnlich arme Länder verfügt Indien bereits über ein starkes Unternehmertum, eine recht große und gut ausgebildete Mittelschicht und mehrere Konzerne von Weltklasse, die sich an der Aufgabe beteiligen können, diese öffentlichen Güter bereitzustellen.

Warum ist Indiens BIP-Wachstum so stark zurückgegangen: von im Jahresvergleich fast 10 % in den Jahren 2010-2011 auf 5 % heute? War das jährliche Wachstum von nahezu 8 % in den zehn Jahren zwischen 2002 und 2012 eine Anomalie?

Das glaube ich nicht. Meiner Meinung nach sind in den letzten beiden Jahren zwei wichtige Faktoren hinzugekommen.

Erstens war Indien wahrscheinlich nicht ganz auf sein schnelles Wachstum in den Jahren vor der globalen Finanzkrise vorbereitet. So wird für neue Fabriken und Minen beispielsweise Land benötigt. Das Land gehört jedoch häufig Kleinbauern, oder es leben Stammesgruppen darauf, die weder einen eindeutigen und unbestrittenen Anspruch haben, noch über die Informationen und Fähigkeiten verfügen, um mit einem Bauträger oder Käuferunternehmen auf Augenhöhe zu verhandeln. Es überrascht nicht, dass sich die Bauern und Stammesgruppen oft ausgenutzt fühlten, als raffinierte Käufer ihnen das Land für einen Hungerlohn abkauften und es für ein Vermögen weiterverkauften. Zudem reichte die Entschädigung, die arme Bauern erhielten, nicht lange aus; nachdem sie ihr primäres Mittel zum Einkommenserwerb verkauft hatten, waren sie mit einem schnellen Anstieg der lokalen Lebenshaltungskosten konfrontiert, der auf die Entwicklung zurückzuführen war.