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Der Schuldenwahn

WASHINGTON, DC – Eine zweite große Zinssenkung in Amerika innerhalb von vierzehn Tagen und ein von Republikanern und Demokraten in trauter Eintracht beschlossenes Konjunkturpaket zeigen, dass die Entscheidungsträger in den USA eine Rezession unbedingt abwenden wollen, die als Folge zunehmender Kreditausfälle und sinkender Eigenheimpreise droht. Allerdings hat man ein noch grundlegenderes Problem übersehen: Um das Wachstum anzukurbeln, ist die amerikanische Wirtschaft auf die Inflation von Vermögenswerten und steigende Verschuldung angewiesen.

Darin verbirgt sich ein fundamentaler Widerspruch: Auf der einen Seite müssen Spekulationsblasen genährt werden, um das Wirtschaftswachstum aufrechtzuerhalten und auf der anderen Seite führen derartige Blasen, wenn sie platzen, zwangsläufig zu Finanzkrisen. 

Dieser Widerspruch hat weltweite Auswirkungen. Zahlreiche Länder haben sich hinsichtlich ihres Wachstums auf die amerikanischen Verbraucher und auf Investitionen in das Outsourcing verlassen, um die Versorgung dieser Verbraucher zu gewährleisten. Wenn der amerikanischen Blasenwirtschaft nun das Geld ausgeht, wird sich auch das globale Wachstum dramatisch verlangsamen. Es ist nicht klar, dass andere Länder den Willen oder die Fähigkeit besitzen, alternative Wachstumsmotoren zu entwickeln.

Die Widersprüche in der amerikanischen Wirtschaft sind Teil einer neuen Form von Konjunkturzyklus, der sich seit 1980 herausgebildet hat. Die Konjunkturzyklen unter den Präsidenten Ronald Reagan, George Bush sen., Bill Clinton und George W. Bush weisen untereinander starke Ähnlichkeiten auf, unterscheiden sich aber von den Zyklen vor 1980. Zu den Ähnlichkeiten zählen hohe Handelsbilanzdefizite, Arbeitsplatzverluste in der Produktion, Inflation der Vermögenswerte, ansteigender Verschuldungsgrad und Entkoppelung zwischen Löhnen und Produktivitätswachstum.