Die Zeitachse des Optimisten

SEATTLE – Normalerweise werden „Optimismus“ und „Realismus“ verwendet, um zwei verschiedene Lebensanschauungen zu beschreiben. Ich glaube jedoch, dass eine realistische Einschätzung der conditio humana eine optimistische Weltsicht verlangt. Mich stimmt vor allem das Potenzial technologischer Innovationen für die Verbesserung des Lebens der Ärmsten der Welt optimistisch. Aus diesem Grund verrichte ich meine Arbeit.

Es gibt allerdings einen Bereich der Technologie und globalen Entwicklung, in dem die Realität meinen Optimismus gedämpft hat: die Vorstellung, dass Mobiltelefone das Leben in Entwicklungsländern revolutionieren würden. Vor zehn Jahren haben viele geglaubt, mit der Verbreitung von Mobilgeräten in Afrika wäre der Weg zum „digitalen Empowerment“ schon fast geschafft, was sich als Unterstützung der Menschen bei der Wahrnehmung und Nutzung von Gestaltungsspielräumen und Ressourcen mithilfe digitaler Technologien umschreiben lässt. Das war nicht der Fall. Digitales Empowerment ist ein langer und fortlaufender Prozess und das bloße Vorhandensein von Mobilfunktechnik führt nicht dazu, dass sich die Art und Weise umgehend ändert, wie Arme ihre Grundbedürfnisse decken.

Nach jahrelangen Investitionen ist das digitale Empowerment nun aber in Gang gekommen, was dem Zusammenspiel mehrerer Faktoren zu verdanken ist, so etwa der zunehmenden Netzabdeckung, leistungsfähigeren Geräten und einem breiten Spektrum an Anwendungen. Wenn immer mehr Menschen Zugang zu besseren und kostengünstigeren digitalen Technologien bekommen, wird irgendwann ein Wendepunkt erreicht, an dem die Vorteile der Bereitstellung digitaler Dienste gegenüber den Kosten eindeutig überwiegen, so etwa bei Bankgeschäften oder in der Gesundheitsfürsorge. Dann sind Unternehmen bereit die Investitionen zu tätigen, die für den Aufbau neuer Systeme erforderlich sind und Kunden können die Übergangskosten akzeptieren, die im Zuge der Übernahme neuer Verhaltensweisen entstehen.

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