14

Klassenkampf in der Türkei

NEW YORK – Einer Interpretation zufolge sind die gegen die Regierung gerichteten Demonstrationen, die gegenwärtig türkische Städte in Aufruhr versetzen, ein massiver Protest gegen den politischen Islam. Was als Kundgebung gegen offizielle Pläne begonnen hat, einen kleinen Park im Zentrum Istanbuls verschwinden zu lassen, um Platz für ein kitschiges Einkaufszentrum zu schaffen, hat sich schnell zu einem Wertekonflikt entwickelt.

Oberflächlich scheint die Auseinandersetzung für zwei unterschiedliche Versionen der modernen Türkei zu stehen, säkular versus religiös, demokratisch versus autoritär. Es sind Vergleiche zu Occupy Wall Street angestellt worden. Einige Beobachter sprechen sogar von einem „türkischen Frühling“.

Viele türkische Bürger, vor allem in den Großstädten, haben eindeutig die Nase voll vom zunehmend autoritären Stil von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan, von seinen Beschränkungen der Pressefreiheit, seiner Vorliebe für prachtvolle neue Moscheen, den Beschränkungen für den Verkauf und Ausschank von Alkohol, der Verhaftung politischer Dissidenten und nun dem gewaltsamen Vorgehen gegen Demonstranten. Die Menschen befürchten, dass die säkulare Gesetzgebung von der Scharia abgelöst wird und der Islamismus die Früchte der Modernisierung verdirbt, die Kemal Atatürk im postosmanischen Reich gepflanzt hat.

Dann ist da noch die Frage der Aleviten, einer religiösen Minderheit, die Verbindungen zum Sufismus und Schiismus aufweist. Die Aleviten, die vom säkularen kemalistischen Staat beschützt wurden, hegen tiefes Misstrauen gegenüber Erdoğan, der für zusätzliche Verstörung sorgte, weil er einer neuen Brücke über den Bosporus den Namen eines Sultans aus dem sechzehnten Jahrhundert geben wollte, der ihre Vorfahren massakriert hat.