Paul Lachine

Der Missbrauch der Geschichte und der iranischen Bombe

TEL AVIV – Durchdrungen von ihrer oft tragischen Geschichte neigen die Juden dazu, große Ehrfurcht vor der Vergangenheit zu zeigen. Doch kann die Vergangenheit, besonders wenn sie nicht mit Vorsicht behandelt wird, der Feind der Zukunft sein und unsere Sichtweise verzerren, was die Aufgaben der Gegenwart angeht. Das ist zweifellos der Fall bei dem Vergleich, der beharrlich von israelischen Spitzenpolitikern gezogen wird, und zwar zwischen der Vernichtung der europäischen Juden im Holocaust und der Bedrohung, die ein mit Atomwaffen ausgestatteter Iran für den jüdischen Staat darstellt.

Am diesjährigen Holocaust-Gedenktag in Jerusalem überboten sich die israelischen Spitzenpolitiker wieder einmal gegenseitig, als sie der Schwermut der nationalen Psyche und der öffentlichen Hysterie im Hinblick auf die Absichten des Irans neue Nahrung gaben.

Präsident Schimon Peres, der im Gegensatz zu Ministerpräsident Benjamin Netanjahu dem Nutzen eines Angriffs auf die Nuklearanlagen des Irans skeptisch gegenübersteht, sprach von der „Bedrohung der Vernichtung“, mit der Israel konfrontiert sei. Selbst Verteidigungsminister Ehud Barak, normalerweise ein kühler, rationaler Kopf, wählte Jad Mordechai, einen Kibbuz, der nach dem Anführer des Aufstands im Warschauer Ghetto, Mordechai Anielewicz, benannt wurde, um die Weltöffentlichkeit vor „Holocaust-Leugnern“ zu warnen, „allen voran vor dem iranischen Präsidenten, der die Vernichtung des jüdischen Volkes fordert.“

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