Das „Was wäre, wenn“ von 1989

NEW YORK: Seit Wochen wird auf den Fernsehbildschirmen weltweit eine Szene wiederholt, als wäre die gezeigten Ereignisse brandaktuell: jubelnde, auf der berüchtigten, vor 20 Jahren, am 9. November 1989, gefallenen Mauer tanzende Berliner. „Die Mauer ist weg!“ riefen die Menschen damals vor den Kameras am Brandenburger Tor und ballten die Fäuste in der Luft.

Ohne Zweifel ist dies eines der symbolträchtigsten Bilder des 20. Jahrhunderts. Insbesondere für die Amerikaner war es das mythisch überhöhte Emblem des Sieges im Kalten Krieg. Doch für die, die in jener Nacht vor Ort waren (wie ich für Newsweek), ist der Moment weniger eindeutig, insbesondere in der Rückschau nach zwei Jahrzehnten. Einfach ausgedrückt: Die Geschichte hätte damals leicht einen ganz anderen Verlauf nehmen können, und hätte es beinahe auch getan.

Egon Krenz, der kommunistische Führer der Deutschen Demokratischen Republik, hat es eine „vermasselte“ Situation genannt. Er genoss am späten Nachmittag jenes 9. Novembers gerade einen seltenen Augenblick des Triumphes, als sein Parteisprecher bei ihm vorbeikam. „Irgendwas bekannt zu geben?“ fragte Günter Schabowski unschuldig. Krenz zögerte und händigte ihm dann eine Pressemitteilung aus. Es war die Bekanntgabe einer wichtigen Initiative, die er nur Stunden zuvor in der Volkskammer durchgedrückt und die die widerspenstige Bevölkerung seit Wochen in den Straßen gefordert hatte: das Recht auf Reisefreiheit. Krenz beabsichtigte, es ihnen zu geben – aber erst am folgenden Tag, dem 10. November.

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