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,,Herausforderung" Türkei

Samuel Huntington hatte uns vor der Gefahr gewarnt. In seinem inzwischen berühmt gewordenen Buch ,,DerKampf der Kulturen" führte er die Türkei als Beispiel eines in sich ,,zerrissenen Landes" an, das nach seiner Auffassung innerlich zwischen Ost und West geteilt ist, das weder zu Europa noch zum Nahen Osten gehört, ein Land mit einer Bruchlinie, die eher durch das Land als an seiner Grenze entlang verläuft.

Die jüngsten Bombenanschläge in Istanbul unterstreichen noch einmal, wie wichtig es für die Türkei ist, Huntingtons Verwerfungsgrenze zu überwinden, um gestärkt als wohlhabende, säkulare und stabile Demokratie hervorzugehen. Wenn dies der Türkei gelingt, wird sich zeigen, dass es nicht zwangsläufig zu einem ,,Kampf der Kulturen" kommen muss, in dem die Trennung des Kalten Krieges durch neue, religiöse Auseinandersetzungen wie im Mittelalter ersetzt wird.

Ob die Türkei als moderne Demokratie vorankommt, wird natürlich von vielen, hauptsächlich von Faktoren innerhalb der Türkei abhängen, und es hat etwas mit der eigenen Führung und den Entscheidungen zu tun, welche die politisch und wirtschaftlich Handelnden in der Türkei treffen. Doch verstehen die Terroristen, die derart tödlich zugeschlagen haben, die globale und nicht nur regionale Bedeutung des Kampfes um die türkische Seele.

Denn Faktoren außerhalb der Türkei werden darüber entscheiden, wo das Land hingerät. Der tatsächlich wichtigste einzelne Faktor, der die kommende Entwicklung entscheidend beeinflussen wird und der die Voraussetzungen für eine beachtliche Erfolgsgeschichte bieten oder im Gegenteil auch zu einem Fehlschlag führen könnte, ist die anstehende Entscheidung der Europäischen Union, ob sie mit den Verhandlungen über die volle EU-Mitgliedschaft der Türkei beginnen soll oder nicht.