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kaletsky69_Choochart ChoochaikuptEyeEmGettyImages_2020year Choochart Choochaikupt/EyeEm/GettyImages

Was könnte uns 2020 verderben?

LONDON – Das traditionell im Januar stattfindende Spiel der Aufstellung wirtschaftlicher Prognosen für das kommende Jahr scheint kaum noch spielenswert, da die Vorhersagen seit einem Jahrzehnt dieselben sind. In 2020 ist es sogar noch wahrscheinlicher als in jedem früheren Jahr seit der Finanzkrise, dass die Weltwirtschaft weiter wächst, die Zinsen auf ihren bisherigen Tiefstständen verharren und die Aktienmärkte weiter ansteigen.

Statt also das wahrscheinlichste Szenario vorherzusagen, das ziemlich offensichtlich ist, ist es nützlicher, unwahrscheinliche Ereignisse in Betracht zu ziehen, die dieses günstige Szenario verändern würden. Meiner Ansicht nach sind es zehn Risiken, die 2020 besonders große wirtschaftliche und finanzielle Probleme hervorrufen könnten. Dies sind keine Prognosen: Ein anhaltendes globales Wachstum ist wahrscheinlicher als jede Kombination dieser Rückschläge. Und es handelt sich dabei auch nicht um „Überraschungen“, die definitionsgemäß unmöglich vorhersehbar sind. Vielmehr sind es „bekannte Unbekannte“, hier vom geringsten bis zum größten Risiko (aus meiner Sicht) angeordnet.

Das kleinste Risiko ist eines, das viele Ökonomen jedes Jahr prognostizieren: eine von den USA oder China verursachte globale Rezession. Eine Rezession ist unvermeidlich, aber 2020 weniger wahrscheinlich als in jedem der vergangenen zehn Jahre. Während Investitionen und Fertigung weltweit unter dem US-chinesischen Handelskrieg gelitten haben, haben makroökonomische Maßnahmen in beiden Ländern den Wohnungsbau, den Dienstleistungssektor und die öffentlichen Ausgaben angekurbelt. Die Weltwirtschaft wird weiterhin vom Rückenwind durch die letztjährigen Zinssenkungen in den USA und durch Chinas Bemühungen, ein Wachstum von rund 6% zu unterstützen, profitieren. Ohne eine starke neue Erschütterung ist eine Rezession in 2020 daher äußerst unwahrscheinlich.

Zugleich ist das Risiko eines Zinsanstiegs zu vernachlässigen. Viele Anleger und Unternehmen sind besorgt, dass das derzeitige Umfeld niedriger Zinsen zumindest in den USA bald enden könnte. Inflation und langfristige Zinsen werden in diesem Jahr vermutlich etwas steigen, doch steht eine Straffung der Geldpolitik durch die Notenbanken praktisch außer Frage. Die Fed würde bei diesem Prozess den Anfang machen, und sie wird die Zinsen in einem Wahljahr nicht erhöhen.

In Europa hat der Brexit, statt eine Epidemie der Euroskepsis auszulösen, wie eine Impfung gewirkt. Selbst führende populistische Politiker in Italien, Frankreich und Deutschland scheinen durch die Brexit-Erfahrung abgeschreckt, und die diesjährigen Verhandlungen über ein Handelsabkommen für die Zeit danach werden die negativen Wahrnehmungen der Europäer in Bezug auf diesen Prozess verstärken. Allerdings ist die Politik, insbesondere in Italien, immer volatil; daher bleibt eine politisch bedingte Eurokrise ein niedriges, aber nicht zu vernachlässigendes Risiko.

Obwohl der Handelskrieg zwischen den USA und China 2019 die meiste Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, war das schwächste Glied in der Weltwirtschaft tatsächlich Europa. In der letzten Zeit hat sich die Wirtschaftsentwicklung dort stabilisiert, und die verfolgte Politik hat sich drastisch verbessert: Die Europäische Zentralbank hat ihre quantitative Lockerung wieder aufgenommen, und die politische Stimmung hat begonnen, sich gegen haushaltspolitische Sparmaßnahmen zu wenden. Doch sieht sich die deutsche Wirtschaft nach wie vor einer existenziellen Krise ausgesetzt, und die europäischen Politiker weisen eine nahezu ungetrübte Bilanz törichter Bemühungen auf, die Haushaltsdefizite gerade dann zu senken, wenn ihre Volkswirtschaften besonders viel Unterstützung durch die Fiskalpolitik benötigen. Eine Rezession in Europa bleibt daher 2020 genau wie im Vorjahr das größte makroökonomische Risiko.

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Dann ist da die Gefahr einer bedeutenden Energieversorgungskrise. Seit der Tötung des Kommandeurs der iranischen Qods-Brigaden Qassem Suleimani herrscht Besorgnis an den Finanzmärkten über eine Spirale hin zu einem Krieg und über einen plötzlichen steilen Anstieg der Ölpreise. Jeder globalen Rezession in den vergangenen 50 Jahren ging eine Verdoppelung der Ölpreise vorweg (obwohl nicht auf jede Verdoppelung der Ölpreise eine Rezession folgte). Für eine derartige Verdoppelung müssten die Ölpreise auf über 110 Dollar steigen. Dies ist unwahrscheinlich, aber wäre möglich, falls ein Krieg zwischen den USA und dem Iran den Schiffsverkehr im Persischen Golf zum Erliegen brächte. Eine ölpreisbedingteRezession ist daher ein moderates Risiko.

Es besteht zudem ein moderates Risiko eines verstärkten Protektionismus. Die Märkte sind aber inzwischen schon so lange vom US-chinesischen Handelskrieg besessen, dass sie diesbezügliche schlechte Nachrichten weitgehend eingepreist haben, und die „erste Teileinigung“ zwischen beiden Ländern legt nahe, dass es in diesem Jahr keine weitere Eskalation geben wird. Es bleiben noch einige andere Handelsrisiken insbesondere für Europa, dem durch einen Zusammenbruch der Brexit-Verhandlungen oder eine Neuausrichtung der protektionistischen Instinkte Trumps von chinesischen Elektronikartikeln auf deutsche Autos Gefahr droht. Aber Trump wird in diesem Jahr vermutlich zu sehr mit der Konfrontation mit dem Iran und den Wahlen im November beschäftigt sein, um einen Handelskrieg mit der EU anzufangen. Zugleich wird sich an den Handelsbedingungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU bis zum 31. Dezember nichts ändern. Infolgedessen ist eine globale Zunahme des Protektionismus in diesem Jahr ein kleineres Risiko als 2018 und 2019.

Es bestehen in diesem Jahr zwei weitere moderate Risiken für das Wachstum. Eins ist der Anstieg der Schuldenquoten der US-Konzerne auf beispiellose Höhen, die das Niveau von vor der Finanzkrise weit überschreiten. Doch ist dies angesichts der Tatsache, dass die Zinsen noch nie so lange so niedrig waren, kaum überraschend. Während eine Schuldenblase vermutlich irgendwann zum Risiko werden wird, gibt es keinen Grund dafür, warum sie platzen oder auch nur in sich zusammenfallen sollte, bevor die Zinsen deutlich ansteigen. Von der Verschuldung der Unternehmen scheint daher in 2020 nur ein moderates Risiko auszugehen.

Das letzte moderate Risiko ist ein Zusammenbruch der Autoindustrie. Deren Umsatz ist im vergangenen Jahr weltweit eingebrochen, was verheerende Folgen für die deutsche Volkswirtschaft hatte, die der deutlich größte Exporteur von Autos und den zu ihrer Herstellung erforderlichen Maschinen ist. Die Produktion in Deutschland liegt inzwischen unter ihrem Tiefststand während der Rezession des Jahres 2009, und der Niedergang der Branche ist nicht bloß ein zyklisches Problem. Ein perfekter Sturm aus Umweltbedenken, gesellschaftlichem Wandel und Umstellungen im Energie- und Technologiebereich hat dazu geführt, dass die Auto- und Maschinenbauindustrie – nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA, Japan und Westeuropa – sich in einem vermutlich langfristigen Niedergang befindet, der sich als ebenso ausgeprägt erweisen könnte wie die Deindustrialisierung der 1980er Jahre. Doch war der Nachfrageeinbruch im vergangenen Jahr derart extrem, dass eine vorübergehende Erholung wahrscheinlich ist; daher dürfte die Auto- und Maschinenbauindustrie in diesem Jahr weniger Probleme verursachen.

Das Risiko für den Technologiesektor ist dagegen politischer Art – und hoch. Die großen Technologieunternehmen können nicht länger auf Rücksichtnahme durch die Politik zählen. Facebook, Apple, Amazon und Google, die einst als Innovatoren und Agenten des Fortschritts galten, werden inzwischen als skrupellose Monopolisten betrachtet, die die Politiker manipulieren und die Verbraucher ausbeuten. Diese Unternehmen waren die Haupttriebkraft für die US-Wirtschaft und den Aktienmarkt, und ernste politische Herausforderungen gegenüber ihren Geschäftsmodellen – in der Form von Regulierung, speziellen Steuern oder einer Aufspaltung – könnten zu einer Wiederholung der Dot-com-Krise der Jahre 2000-2002 führen. Die Zeit der Abrechnung könnte in diesem Jahr beginnen.

Das größte der zehn Risiken rührt aus der US-Präsidentschaftswahl her. Der Konsens an den Weltmärkten, dass Präsident Donald Trump diese Wahl gewinnen wird, setzt die Märkte zwei potenziellen Erschütterungen aus. Trump könnte im Falle seines Wahlsieges in seiner zweiten Amtszeit sogar noch protektionistischer, konfliktfreudiger und unberechenbarer agieren. Und falls sein Gegner Bernie Sanders oder Elizabeth Warren heißt, droht den vier größten US-Wirtschaftssektoren – Gesundheit, Finanzen, Technologie und Energie – eine beispiellose Destabilisierung. Angesichts der Tatsache, dass Trump mit Sicherheit Aussagen machen wird, die die Anleger verunsichern, und dass einige Meinungsumfragen an irgendeinem Punkt des Wahlkampfes einen möglichen Demokratischen Wahlsieg nahelegen werden, wird die US-Politik vor dem 3. November fast mit Sicherheit gelegentliche Panikattacken auslösen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

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