Facebook, Google and Twitter executives testify before congress Chip Somodevilla/Getty Images

Die großen Technologieunternehmen und der Staat

SINGAPUR – Beeindruckende Quartalsergebnisse der größten Technologieunternehmen zeigen, dass sie nicht annähernd dabei sind, eine Sättigung ihrer Konsumentenmärkte zu erreichen, ihre Innovationszyklen zu erschöpfen oder ein reifes Wachstum zu erreichen. Gräbt man etwas genauer nach, so beleuchten die Berichte zugleich die erhebliche und weiter steigende systemische Bedeutung des Sektors. Doch hat diese Entwicklung für den Technologiesektor auch einen deutlichen Nachteil.

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Zunehmende systemische Bedeutung geht häufig mit größerer Kontrolle einher. Und tatsächlich sehen sich die heutigen erfolgreichen, innovativen Technologieriesen der Aussicht zunehmender Bemühungen zur Regulierung und Besteuerung ihrer Aktivitäten ausgesetzt. Je länger es dauert, bis diese Unternehmen ihre systemische Bedeutung erkennen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit einer starken Gegenreaktion durch Regierungen und Öffentlichkeit, die den Unternehmen schaden und ihre Fähigkeit untergraben wird, weiterhin Innovationen hervorzubringen, die das Wohl der Verbraucher wirksam steigern.

Als der Technologiesektor seine Entwicklung hin zu systemischer Bedeutung begann, bestand er aus einer Ansammlung erfolgshungriger Start-ups, die über bahnbrechende Technologien verfügten. Diese Technologien rüttelten nicht nur bestehende Wirtschaftssektoren und -aktivitäten durcheinander, sondern schufen letztlich eine neue Nachfrage nach den von ihnen ermöglichten völlig neuen Waren und Dienstleistungen.

Die Erfolgsbilanz der Technologieunternehmen – die immer wieder ihre Fähigkeit zu außergewöhnlichem Wachstum unter Beweis gestellt haben – versetzt sie in die Lage, enorme Investitionen anzulocken. Sie sind daher nicht nur in der Lage, ihre Marktstellung in ihrem Kerngeschäft zu stärken, sondern auch, innovative Fähigkeiten in neuen Bereichen zu entwickeln, indem sie kleinere (tatsächliche oder potenzielle) Wettbewerber aufkaufen. Und einige von ihnen sind sogar in der Lage, sich immer wieder neu zu erfinden – und damit konsequent ihre technologische Vorreiterrolle aufrechtzuerhalten.

Was das bemerkenswerte Wachstum der großen Technologieunternehmen weiter anheizt, ist, dass viele Dienstleistungen dieser Unternehmen scheinbar kostenlos sind, was ihre schnelle Übernahme durch die Verbraucher erleichtert. Dabei hilft, dass diese Dienstleistungen häufig im Ausland genauso nahtlos erbracht werden können wie in ihrem Ursprungsland, und zwar soweit, dass das Konzept des „Auslands“ inzwischen relativ elastisch geworden ist.

Mit der Zeit hat die rapide Anhäufung von Marktmacht der großen Technologieunternehmen in einigen Sektoren zum Aufkommen von Oligopolen geführt, und in einigen wenigen sogar zu Monopolen. Der gesellschaftliche, wirtschaftliche und sogar politische Einfluss der Unternehmen hat in einigen Fällen steil zugenommen. Facebook und Twitter etwa haben eine entscheidende Rolle dabei gespielt, die Protestierenden der Aufstände des Arabischen Frühlings von 2011 aktiv werden zu lassen.

Dies schafft ernste Risiken: So nützlich die Innovationen der großen Technologieunternehmen sind, sie können staatlichen oder nichtstaatlichen Akteuren auch als wichtige Kanäle dienen, um selbst Störungen zu verursachen. Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen in den USA im vergangenen Jahr haben einige Social-Media-Plattformen ungewollt die Verbreitung gezielter Falschinformationen ermöglicht. Noch bedrohlicher ist, dass sich Extremisten wie der Islamische Staat zu Rekrutierungs- und Propagandazwecken auf soziale Medien stützen.

Es sollte niemanden überraschen, dass die großen Technologieunternehmen tendenziell viel schneller agieren als Regierungen und Regulierungsbehörden. Insofern wandelt sich die ursprünglich lockere Einstellung wohlwollender Gleichgültigkeit ihnen gegenüber, die weitgehend durch Unwissenheit und Unaufmerksamkeit bedingt war, nun zu etwas Kraftvollerem. Angesichts der wachsenden systemischen Bedeutung der Technologieunternehmen ändern sich die Einstellungen ihnen gegenüber deutlich.

Dieser Wandel ist in den letzten Jahren immer deutlicher geworden, und die großen Technologieunternehmen sahen sich zunehmend einer intensiven Kontrolle ihrer Wettbewerbspraxis, ihres Verhaltens als Steuerzahler, ihrer Nutzung von Daten und ihrer Datenschutzrichtlinien ausgesetzt. Darüber hinaus stellen sich allgemeinere Fragen zu ihrem Beitrag zur Vernichtung von Arbeitsplätzen und ihren Auswirkungen auf das Lohnwachstum, während die Gesellschaft zunehmend erkennt, dass technologischer Umbruch die Notwendigkeit von Bildungsreformen, von Verbesserungen beim Kompetenzerwerb und von Umschulungsmaßnahmen impliziert.

Jedoch scheint der Technologiesektor selbst seine wachsende systemische Bedeutung noch immer zu unterschätzen. Dies kann dazu führen, dass sich die Unternehmen erst spät der Notwendigkeit bewusst werden, ihre Organisation, Ressourcen und Einstellungen so zu modernisieren, dass sie ihren Wandel vom kleinen disruptiven Akteur zum mächtigen Platzhirsch widerspiegeln. Dies erfordert die Entwicklung umfassenderer, stärker integrierter Geschäftsmodelle, die durch erfahrene Mitarbeiter mit Fachkenntnissen in einem breiteren Spektrum von Bereichen beeinflusst werden, um über den laserscharfen Fokus dieser Unternehmen auf die Innovation hinauszureichen.

Je länger dieser Prozess andauert, desto größer ist das Risiko, dass den Technologieunternehmen die Kontrolle über die Entwicklung entgleitet. Über eine zunehmende externe Überwachung, Regulierung und Beaufsichtigung hinaus besteht die Gefahr einer Gegenreaktion seitens der Verbraucher oder sogar der weiteren Ausnutzung von Innovationen durch böswillige Akteure.

In einer idealen Welt würden die Technologieunternehmen ihre sich ändernde Rolle im Gleichschritt mit externen Akteuren, darunter Regierungen und Verbrauchern, erkennen und sich daran anpassen und dabei die richtige Balance zwischen Innovation, Verbrauchernutzen und -schutz sowie nationaler Sicherheit treffen. Doch wir leben nicht in einer idealen Welt. Und bisher haben sich interne und externe Kräfte, was Wahrnehmung, Fähigkeiten und Handlungen angeht, nicht synchron entwickelt. Wenn dann noch bewusste und unbewusste Vorurteile und die beträchtliche Versuchung zu politischer Manipulation dazukommen, werden die Risiken noch profunder.

Die großen Technologieunternehmen können und sollten eine größere Rolle dabei spielen, der Gesamtwirtschaft zu helfen, sich in geordneter und für beide Seiten günstiger Weise zu entwickeln. Dies erfordert zuallererst, dass sie sich ihre eigene systemische Bedeutung bewusst machen und ihre Perspektiven und ihr Verhalten entsprechend anpassen. Er verlangt aber auch nach einer deutlich besseren Kommunikation, die Ziele und Geschäftsgebaren der Unternehmen sehr viel transparenter macht. Und schließlich erfordert es ein Bekenntnis zur verstärkten Überwachung sowohl des eigenen Unternehmens als auch von Wettbewerbern, gegebenenfalls im Verbund mit effektiverem kollektiven Handeln.

Falls es der Technologiesektor versäumt, diese Veränderungen umzusetzen, werden staatliche Aufsicht und Regulierung unweigerlich zunehmen. Und es ist alles andere als sicher, dass das Nettoergebnis für die Gesellschaft von Vorteil sein wird. Für die Unternehmen ist es sogar noch unwahrscheinlicher.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

http://prosyn.org/QZrPxib/de;

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