0

Die Besteuerung von Gewebe

Die biomedizinische Forschung von heute ist ein auf Zusammenarbeit beruhender Forschungsbetrieb, der auf Beiträge von Patienten, Universitäten und Industrie angewiesen ist. Allerdings erlauben es die Gesetze von heute nur Universitäten und der Industrie, die Grundlagenforschung und Technologie beisteuern, von ihren Beiträgen auch zu profitieren. Patienten, die Gewebe spenden, dürfen keine Vergütung erhalten. Manche halten diese Regelung für unfair, denn Universitäten und die Industrie können sich damit das von den Patienten gespendete Gewebe zur Gänze aneignen. Andere wiederum sehen darin eine durchaus kluge Bestimmung, denn eine Vergütung des einzelnen Gewebespenders könnte in ihren Augen den wissenschaftlichen Fortschritt und die technologische Entwicklung behindern. Gibt es nun eine Möglichkeit, dieses Messen mit zweierlei Maß in der biomedizinischen Forschung zu beseitigen und durch eine Regelung zu ersetzen, die sowohl fair als auch klug ist?

Ironischerweise hat dieses Messen mit zweierlei Maß sowohl einen moralischen als auch einen ökonomischen Hintergrund. Im europäischen Recht wird feierlich erklärt, dass aus Gründen der Menschenwürde der menschliche Körper und seine Teile als solche nicht zur Erzielung eines finanziellen Gewinns verwendet werden dürfen . Die Anerkennung eines solchen Gesetzes würde Universitäten und Industrie verpflichten, mit jedem Spender des in der Forschung genutzten Gewebes eine faire Vergütung auszuhandeln. Darüber hinaus ist die Bedeutung des von den Patienten gespendeten Gewebes zum Endprodukt minimal im Vergleich zu den Beiträgen der Universitäten und der Industrie. Und schließlich stellt sich die Frage, warum Gewebespender ein Anrecht auf Vergütung haben sollten, wenn sie oder ihre Nachkommen langfristig möglicherweise ohnehin von den technologischen Fortschritten profitieren, zu denen sie beigetragen haben.

Gegner dieser Doppelmoral bemühen die Prinzipien der Fairness, Gleichheit und Verteilungsgerechtigkeit. Sie sehen in diesem Messen mit zweierlei Maß eine mögliche Quelle für das öffentliche Misstrauen in den biomedizinischen Forschungsbetrieb. Tatsächlich sind die Beiträge der Patienten nicht mehr als minimal anzusehen, denn sie versorgen Universitäten und Industrie mit einer maßgeblichen Bandbreite an Gewebe und dazugehörigen medizinischen Daten. Folglich haben sie sich zunehmend aus der uneigennützigen Teilnahme an diesen Projekten verabschiedet und fordern eine finanzielle Vergütung für ihre Gewebespenden. Allerdings bedarf es angesichts der momentan in Europa und Amerika gültigen Gesetze einer neuen gesetzlichen Grundlage, damit diese Forderung zulässig und umsetzbar wird. Verschiedene Modelle stehen dafür zur Diskussion.

Modell der gemeinnützigen Stiftung . Spender würden ihre Gewebespenden einer gemeinnützigen Stiftung überantworten und gemeinsam einen Treuhänder ernennen, der damit die gesetzliche treuhänderische Verantwortung übernimmt, dass die Gewebespende zum Nutzen der Allgemeinheit verwendet wird. Der Stiftungsvertrag könnte vorsehen, dass die Spendergruppe an der Führung der Stiftung beteiligt ist und daher auch ein Mitsprachrecht besitzt, wenn es um die Verteilung eventueller Profite geht. Während dieses Modell in mancher Hinsicht zwar fair ist, impliziert es jedoch, dass Teile des menschlichen Körpers zur Erzielung eines finanziellen Gewinns verwendet werden können. Überdies ist dieses Modell in dem Maße unklug, als die Spender die Entwicklung von Erkenntnissen und Anwendungen blockieren könnten. Und per Definition könnte dieses Modell nur funktionieren, wenn die Finanzierung der Stiftung auf öffentlicher Basis erfolgt.