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Schweinegrippe für Erwachsene

PRINCETON – Niemand weiß, wie sich die Schweinegrippepandemie (H1N1) entwickeln wird. Wird sie sich weiter ausbreiten oder wird sie verpuffen? Wird sie während des Sommers in der nördlichen Hemisphäre zurückweichen und im Herbst wiederkommen? Wird sie weiterhin mild verlaufen oder schwerer werden? Grippeexperten wissen es einfach nicht.

Sicher ist, dass die Gesundheitsbehörden Gefahr laufen, der Öffentlichkeit diese neue und potenziell alarmierende Bedrohung auf falsche Weise zu erklären. Obwohl sie viel über Virologie und das öffentliche Gesundheitswesen wissen, haben sie oft fast gar keine Ahnung, wie man mit Menschen über Risiken spricht (und ihnen zuhört!).

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Hier ist daher ein Leitfaden zur Risikokommunikation für die Schweinegrippepandemie, in dem aufgeführt wird, was die Gesundheitsbehörden nicht tun sollten , wenn sie Ihnen von dieser neuen Krankheit berichten.

1. Keine Zuversicht vortäuschen. Niemand mag Unsicherheit; wir alle wünschen uns, die Experten wüssten genau, was passieren wird. Doch kommen wir besser mit offen zugegebener Unsicherheit zurecht als mit falscher Zuversicht. Wenn uns die Gesundheitsbehörden zuversichtlich erzählen, dass X passieren wird, und stattdessen dann Y passiert, verlieren wir das Vertrauen in ihre Führungsqualitäten. Kluge Behörden planen verschiedene Pandemieszenarien für die Schweinegrippe ein und erwarten Überraschungen, die sie dazu zwingen werden, ihre Pläne zu ändern. Das sollten sie uns sagen.

2. Keine übertriebene Beruhigung. Bislang ist diese Pandemie mild verlaufen. Doch selbst ein mildes Grippevirus tötet viele Menschen, insbesondere diejenigen mit anderen medizinischen Problemen. Zudem beunruhigt die Experten, dass das neuartige H1N1-Virus in einen gefährlicheren Stamm mutieren könnte. Dennoch bestehen die Behörden unaufhörlich darauf, wie es ein Mitarbeiter der schottischen Gesundheitsbehörde ausdrückte, dass es „für die Öffentlichkeit absolut keinen Grund zur Sorge“ gebe. Das stimmt nicht und könnte nach hinten losgehen. Auch bevor sich eine Situation verschlechtert (wenn sie das tut), spüren die Menschen, wenn sie „beruhigt“ werden anstatt informiert. Wenn wir nicht darauf vertrauen, dass die Behörden offen mit alarmierenden Informationen umgehen, verlassen wir uns eher auf Gerüchte. Da wir den übertriebenen Beruhigungen der Behörden nicht trauen, sind wir sogar noch stärker alarmiert.

3. Keine Angst vor Panik. Panik ist selten in Notlagen. Obwohl viele Menschen sich panisch fühlen , verhalten sie sich fast immer gut. Doch ist „Panikpanik“ – die Angst der Verantwortlichen, eine Panik in der Bevölkerung nicht aufhalten zu können – sowohl häufig zu beobachten als auch schädlich. Unter dem Einfluss der „Panikpanik“ geben Behörden übertrieben beruhigende Erklärungen ab, verheimlichen oder verzögern alarmierende Neuigkeiten und sprechen verächtlich davon, wie „irrational“, „hysterisch“ oder „panisch“ die Öffentlichkeit sei. Derartig geringschätzige Mitteilungen lassen das Vertrauen weiter sinken.

4. Vorwürfen der Panikmache nicht zu viel Gehör schenken. Es ist unwahrscheinlich, dass irgendetwas, was die Behörden sagen, eine Panik auslöst, doch wird ihnen – egal was sie sagen – u. U. Panikmache vorgeworfen. Selbst wenn die Behörden übertrieben beruhigen, wird ihnen von Kritikern, die absolut kein Anzeichen der öffentlichen Besorgnis ertragen, häufig Panikmache vorgeworfen. Diese spezielle Kritik ist unvermeidlich, und die Behörden sollten sie schulterzuckend hinnehmen. Die Anzahl der Behördenmitarbeiter, die ihren Posten dafür verloren haben, die Öffentlichkeit nicht genügend vor Risiken gewarnt zu haben, die sich als schwerwiegend herausstellten, ist bei Weitem höher als die Anzahl derer, die gehen mussten, weil sie zu sehr vor Risiken gewarnt haben, die sich als geringfügig erwiesen.

5. Die Anpassungsreaktion nicht bekämpfen. Obwohl Panik selten ist, ist es normal, dass die Menschen einige Zeit brauchen, um sich an ein neues Risiko anzupassen – und diese Schweinegrippepandemie ist für uns alle neu. Wir können das in der Risikokommunikation als „Anpassungsphase“ bekannte Stadium, in dem wir zeitweise überängstlich und überaufmerksam werden und sogar Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, die eigentlich unnötig oder übereilt sind, nicht überspringen. Anpassungsreaktionen sind kurz, aber nützlich – es handelt sich um eine kognitive, logistische und emotionale Probe für schwere Zeiten, die möglicherweise auf uns zukommen. Die Gesundheitsbehörden sollten die Menschen durch ihre Anpassungsreaktionen führen und nicht verlangen, dass sie diesen Schritt überspringen.

6. Nicht aufbauschen, was die Regierung unternimmt. Wenn ich einen Satz aus offiziellen Erklärungen verbannen könnte, fiele meine erste Wahl auf „Alles ist unter Kontrolle.“ („Es gibt keinen Grund zur Panik“ käme mit geringem Abstand auf den zweiten Platz.) Experten sind sich einig, dass Pandemien verlangsamt, aber nicht „eingedämmt“ werden können. Behörden, die versprechen – oder implizieren –, sie könnten diese Pandemie von ihren Grenzen fernhalten oder sie aufhalten, sobald sie angekommen ist, sorgen selbst dafür, dass sie später öffentlich geschmäht werden.

7. Nicht aufbauschen, was die Öffentlichkeit unternehmen kann. Menschen Handlungsmöglichkeiten anzubieten, ist gute Risikokommunikation. Handeln gibt uns ein Gefühl von Kontrolle und hilft uns, unsere Angst zu ertragen. Und falls H1N1 bedrohlicher wird, wird es den Menschen (und Gemeinden), die sich auf diese Möglichkeit vorbereitet haben, wahrscheinlich besser ergehen als denjenigen, die sich nicht vorbereitet haben. Doch helfen Hygieneempfehlungen, wie Hände waschen und die Hand beim Husten vor den Mund halten, nur ein wenig. Die Grippe breitet sich langsamer aus, wenn wir alle unseren Teil dazu beisteuern, aber sie breitet sich immer noch aus. „Es ist nicht viel, aber es ist alles, was wir haben“ ist als Botschaft ebenso wirksam wie „Dadurch lässt sich eine Ansteckung mit der Grippe vermeiden“, wenn man will, dass die Menschen diese Maßnahmen ergreifen – und die Wahrheit lässt sich bei Weitem besser aufrechterhalten als Übertreibungen.

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8. Nicht das Unmögliche fordern. Maßnahmen zu empfehlen, die die Öffentlichkeit nicht umsetzen kann, schafft ein Gefühl der Sinnlosigkeit anstelle eines Gefühls der Kontrolle. Die Behörden sollten die Menschen nicht dazu anhalten, sich die Hände zu waschen, wenn kein sauberes Wasser verfügbar ist. Sie sollten Stadtbewohner mit bereits bestehenden gesundheitlichen Problemen nicht dazu anhalten, „Menschenansammlungen zu meiden“, ohne einfühlsam anzuerkennen, dass es unmöglich ist, Menschenansammlungen während der gesamten Dauer der Pandemie zu meiden.

9. Den Lerneffekt nicht vernachlässigen. In den Entwicklungsländern ist die Schweinegrippe (bislang) wesentlich weniger bedrohlich als viele endemische Gesundheitsrisiken, und das Hauptziel der Risikokommunikation sollte es sein, den Menschen durch ihre Anpassungsreaktionen zu helfen, Vorkehrungen zu treffen, die machbar sind, und sich wieder auf andere Prioritäten zu konzentrieren. In den Industrieländern hat uns die Schweinegrippe jedoch zwei dauerhafte Lektionen zu erteilen: (1) Die Grippe ist ernster zu nehmen, als viele Leute es sich vorstellen. (2) Irgendwann wird uns eine schwere Pandemie treffen, ob es H1N1 ist oder nicht, und wir sollten jetzt alles unternehmen, was wir können, um uns darauf vorzubereiten. Die Gesundheitsbehörden in Nordamerika haben den Moment für diesen Lerneffekt größtenteils verpasst. Anstelle dieser Lektionen haben viele Menschen „gelernt“ (oder fälschlicherweise behalten), dass Pandemien Papiertiger sind und die Gesundheitsbehörden zur Panikmache neigen. Hoffen wir, dass die Behörden es anderswo besser machen.