Chocolate shop Education Images/UIG via Getty Images

Nachhaltigkeit als Herausforderung in der Schokoladeproduktion

HERSHEY, PENNSYLVANIA – Als multinationale Konzerne in den 1970er und 1980er Jahren den geschäftlichen Erfolg erstmals mit Nachhaltigkeit in Verbindung brachten, war die wichtigste Triebkraft dieser Entwicklung nicht ihr Altruismus, sondern ihre Verwundbarkeit. Der Druck der Verbraucher, politische Boykotte und kostspielige Gerichtsverfahren beschädigten die Geschäftsergebnisse der Firmen und ökologische Strategien halfen, die Firmen vor schlechter Publicity und die Aktionäre vor schmerzlichen Verlusten zu bewahren.  

Heute beruhen soziale Verantwortung der Unternehmen und Nachhaltigkeit nicht mehr auf Angst. Vielmehr wird Nachhaltigkeit schlicht als Notwendigkeit für die Zukunft betrachtet. Das gilt insbesondere für Branchen, die auf Landwirtschaft angewiesen sind – wie beispielsweise das Geschäft mit Schokolade.

Der Schokoladenkonsum befindet sich beinahe auf historischen Höchstständen, weswegen die Schokoladenhersteller wie das Unternehmen, für das ich arbeite, ihren Erfolg eigentlich genießen könnten. Wir stehen allerdings vor einer sich abzeichnenden großen Herausforderung. Wenn wir nicht dazu beitragen können, eine nachhaltigere Kakaoernte zu produzieren, muss sich die Welt eines Tages vielleicht eine neue Lieblingsnascherei suchen.

Kakaobäume gedeihen nur in Ländern auf einem schmalen Streifen entlang des Äquators, wo das Klima warm und feucht ist. Lediglich zwei Länder – Côte d’Ivoire und Ghana – produzieren die überwiegende Mehrheit der Kakaobohnen für die Schokolade der Amerikaner. Der westafrikanische Kakao ist ein wichtiger Bestandteil für den einzigartigen Geschmack der Schokolade von Hershey, aber in dieser Region altern die Kakaobäume und bringen immer weniger Ertrag.

Waren Kakaobauern in der Vergangenheit mit schwindenden Ernteerträgen konfrontiert, rodeten sie einfach Wälder und fingen neu an. Dieser Ansatz ist heute jedoch ökologisch und sozial inakzeptabel. Die einzige nachhaltige Lösung besteht darin, alte Kakaofarmen mit neuen Bäumen zu bestücken. Leider lassen Bevölkerungswachstum, Urbanisierung und unsichere Landrechte die Nachfrage nach Grund und Boden steigen, wodurch zahlreiche Bauern in ihren Möglichkeiten eingeschränkt werden, in ihre Farmen zu investieren und für neue Bepflanzung zu sorgen. Daher werden landwirtschaftliche Betriebe nicht in jenem Umfang zukunftsfähig gemacht, wie es Unternehmen wie Hershey benötigen, wenn der Bedarf in Zukunft nachhaltig erfüllt werden soll.

Das Ausmaß der uns bevorstehenden Herausforderung ist enorm. Um die weltweite Nachfrage von jährlich 7,2 Millionen Tonnen Schokolade zu befriedigen, sind multinationale Konzerne wie Hershey auf Millionen von Kakaobauern angewiesen, von denen jeder ein kleines Grundstück von oftmals nur 1 bis 2 Hektar bewirtschaftet. Unsere komplexen Wertschöpfungsketten reichen bis weit in die entlegensten Winkel der Welt. Um die Schokoladenproduktion weiterhin zu gewährleisten, brauchen wir neue Ansätze, um diesen Bauern mit dem nachhaltigen Anbau von Kakao zu helfen.  

What do you think?

Help us improve On Point by taking this short survey.

Take survey

Wenn wir den aktuellen Herausforderungen auf dem Kakaosektor gerecht werden, können wir dazu beitragen, auch die Warenbeschaffung für andere landwirtschaftliche Produkte nachhaltiger zu gestalten. Das ist die Motivation hinter Hersheys neuer Partnerschaft mit der amerikanischen Behörde für Entwicklungszusammenarbeit (USAID) und ECOM, unserem größten Kakaolieferanten in Ghana. Letztes Jahr riefen wir ein kleines Pilotprogramm ins Leben, um Kleinbauern dabei zu helfen, ihre Kakaoproduktion zu steigern, die durch den Kakaoanbau bedingte Abholzung zu beenden und die Widerstandskraft der Kakaobäume zu verbessern. Die Initiative richtet ihr Augenmerk insbesondere auf zwei Herausforderungen, mit denen jeder Anbaubetrieb in Westafrika konfrontiert ist: Grundbesitz und Finanzierung.

Laut Angaben der Lands Commission in Ghana haben weniger als 2 Prozent der 800.000 Kakaobauern des Landes einen rechtlichen Anspruch auf den von ihnen bewirtschafteten Grund und Boden. Vielmehr erhalten sie durch informelle Absprachen mit lokalen Anführern oder Grundbesitzern Zugang zu landwirtschaftlichen Flächen. Traditionellerweise ermöglichten diese mündlichen Vereinbarungen den Bauern die Rodung von Wäldern und die landwirtschaftliche Nutzung der entstandenen Flächen.

Wenn die Kakaobäume allerdings nach etwa 30 Jahren – oder im Falle von Krankheiten früher -  keinen Ertrag mehr abwerfen, müssen die Bauern vom ursprünglichen Grundbesitzer eine Genehmigung zur Wiederbepflanzung einholen. In Zeiten einer historisch hohen Nachfrage nach Grund und Boden weigern sich lokale Anführer und Landbesitzer zunehmend, dem Wunsch der Bauern nach Wiederbepflanzung zu entsprechen. Den Bauern bleiben zwei Möglichkeiten, von denen keine wünschenswert ist: entweder Urwälder roden und von vorne beginnen oder sich gänzlich aus dem Geschäft verabschieden.

Die Partnerschaft mit USAID und ECOM zielt darauf ab, dieses Problem durch die Beseitigung mancher Hürden für die Wiederbepflanzung zu lösen. ECOM entwickelte ein innovatives Finanzierungsmodell, das den Bauern hilft, alte oder kranke Bäume zu entfernen und sie durch widerstandsfähige und ertragreichere Hybridsorten zu ersetzen. Überdies werden auch Schattenbäume, Mais und Kochbananen angebaut, um die Einkommensquellen zu diversifizieren und die Produktivität zu steigern. ECOM bewirtschaftet die Farmen drei Jahre lang, wobei man den Landwirten einen Teil des Gewinns zurückerstattet und die ursprünglichen Anlaufkosten einbehält. 

Gleichzeitig kartiert USAID das Land der Kakaobauern und dokumentiert ihre damit verbundenen Gewohnheitsrechte. Lokale Anführer bestätigen diese Karten und verbessern damit die Sicherheit der Besitzansprüche der Bauern. Um diese Ansprüche weiter zu festigen werden diese Anführer außerdem in Mediation geschult.

Mit diesem Ansatz gelingt es, ein Problem in Angriff zu nehmen, das lange Zeit als zu komplex für eine Lösung galt, weswegen daraus ein Modell für die Zukunft werden könnte. Da die Nachfrage nach Land aufgrund des Bevölkerungswachstums steigt, der verfügbare Grund und Boden zur Befriedigung dieser Nachfrage jedoch schwindet, werden die Unternehmen Nachhaltigkeit in ihre Geschäftsmodelle aufnehmen müssen. Das bedeutet, die Ärmel hochzukrempeln und einen Beitrag zur Überwindung jener hartnäckigen Herausforderungen vor Ort zu leisten wie sie etwa im Bereich der Landrechte bestehen, wo sie sowohl die wirtschaftliche Entwicklung als auch die langfristige Funktionstüchtigkeit der internationalen Lieferketten behindern.  

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

http://prosyn.org/COnLhap/de;

Handpicked to read next

Cookies and Privacy

We use cookies to improve your experience on our website. To find out more, read our updated cookie policy and privacy policy.