Paper ballots are counted after the end of voting in the Italian general elections Ivan Romano/Getty Images

Der Zerfall der Demokratie?

PRINCETON – Nach dem Doppel-Desaster des Brexit in Großbritannien und Donald Trumps Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten scheint das Wahlergebnis in Italien, wo populistische und rechtsextreme Parteien die meisten Stimmen erhielten, eine gängige Meinung unter Liberalen zu erhärten: dass sich nämlich die Menschen diese Kalamitäten selbst einbrockten. Die „gewöhnlichen Bürger,” so die Ansicht, seien derart irrational und schlecht informiert, dass sie entsetzliche Entscheidungen treffen. Mancherorts geht man noch einen Schritt weiter und schreibt den Menschen eindeutige Präferenzen für antidemokratische Spitzenpolitiker zu. Tatsächlich wird in einem neuen Buch behauptet, das Problem sei [d]er Zerfall der Demokratie.

Derartige Diagnosen sind zutiefst falsch. Da man sich auf die Überzeugungen der einzelnen Bürger konzentriert, werden die strukturellen Gründe für die Bedrohungen der Demokratie von heute übersehen. Deswegen ergeben sich aus diesen Diagnosen zwangsläufig auch falsche praktische Lehren. Wenn jemand wirklich der Ansicht ist, die Wähler seien inkompetent oder illiberal, besteht der offenkundige nächste Schritt darin, ihnen noch mehr Entscheidungsgewalt zu nehmen. Aber statt eines Rückzugs in die Technokratie sollten wir spezifische strukturelle Probleme, die den Triumph populistischer Politiker begünstigten, in Angriff nehmen.  

Es liegen jede Menge Beweise vor, dass die Bürger nicht so gut informiert sind, wie die demokratische Theorie das gerne hätte. Insbesondere in den USA haben Politikwissenschaftler wiederholt aufgezeigt, dass eine realistische Sicht auf die Menschen in drastischer Weise von sozialwissenschaftlichen Lehrmeinungen abweicht. Bei Wahlen handelt es sich jedoch weder um Tests in Sozialwissenschaft noch um Prüfungen im Rahmen von Master-Lehrgängen in Verwaltungslehre. Die Wähler brauchen kein Detailwissen und keine Präferenzen zu jeder politischen Frage; breit gefasste Orientierungspunkte und die Fähigkeit, dem Rat vertrauenswürdiger Autoritäten – Politiker, Journalisten oder, Gott bewahre, Experten -  zu folgen, können reichen.

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