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Zeit für Geschichten in der Weltwirtschaft

NEW HAVEN – Seit dem Tiefpunkt Anfang März befinden sich alle wichtigen Börsen der Welt dramatisch im Aufwind. Vor allem die Märkte in China und Brasilien erreichten im letzten Herbst und dann erneut im März ihre Tiefststände, um seither drastische Anstiege zu verzeichnen. Der brasilianische Bovespa-Index legte von Ende Oktober 2008 bis Mai dieses Jahres um 75 Prozent zu. Der Shanghai Composite stieg in ungefähr der gleichen Zeitspanne um 54 Prozent. Insgesamt aber lagen die Aktienmärkte seit März überall sehr gut.  

Ist das ein Hinweis darauf, dass das Ende der Weltwirtschaftskrise naht?  Könnte es sein, dass alle gleichzeitig ihren Optimismus wiedergewinnen und die Lösung sämtlicher Probleme bevorsteht? 

Spekulative Booms werden von psychologischem Feedback angetrieben. Steigende Aktienpreise führen zur Entstehung von Geschichten von schlauen Anlegern, die ein Vermögen machen. Die Menschen neiden den anderen deren Erfolg und fragen sich, ob diese steigenden Aktienpreise nicht auf weitere Anstiege hindeuten. Sogar Personen, die der Fortdauer des Booms höchst skeptisch gegenüberstehen, kommen in Versuchung, in den Markt einzusteigen. Steigende Preise sorgen also für weiter steigende Preise und dieser Zyklus wiederholt sich immer wieder – eine Weile zumindest.

Während eines Booms schwanken Menschen, die über einen Markteinstieg nachdenken, zwischen Angst, sie könnten es bereuen, wenn sie es nicht tun und der Sorge vor schmerzlichen Verlusten, wenn sie doch einsteigen. Es gibt keine autoritative Antwort, welche Entscheidung „richtig“ ist, und keine Einigkeit unter Experten hinsichtlich des angemessenen Ausmaßes eines Markteinstiegs. Sollte man 30 Prozent Aktien halten und 70 Prozent in Immobilien investieren? Oder umgekehrt? Wer weiß? Die letztliche Entscheidung muss also auf Grundlage der sich relativ augenfällig einander widersprechenden emotionalen Faktoren erfolgen. In einer Stimmung des Booms neigt man emotional eher zum Markteinstieg.