People sit in the sun outside the the Royal Exchange in the City of London Jack Taylor/Getty Images

Zur Steuerung der Erwartungen brauchen die Notenbanken Kompetenz im Bereich der sozialen Medien

LONDON – Das weltweite Wirtschaftswachstum gewinnt an Fahrt. Laut Internationalem Währungsfonds befinden sich inzwischen alle G20-Länder in einer Expansionsphase. Zugleich treten wir endlich in einen Prozess der Normalisierung der Zinssätze und der Geldpolitik ein. Dieser Umschwung hat lange auf sich warten lassen; kaum jemand hätte 2008 vorhergesagt, dass die Auswirkungen der in jenem Jahr ausgebrochenen Finanzkrise so lange anhalten würden.

The Year Ahead 2018

The world’s leading thinkers and policymakers examine what’s come apart in the past year, and anticipate what will define the year ahead.

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Fairerweise sollte man sagen, dass die Normalisierung der Politik an den unterschiedlichen Orten mit unterschiedlicher Geschwindigkeit abläuft. Die US Federal Reserve (Fed) ist am weitesten; sie hat bereits zweimal die Zinsen erhöht, während in der Eurozone und in Japan die Normalisierung mehr erwartet als erlebt wird. Doch die allgemeine Richtung der Veränderungen ist klar.

Im Halbjahresbericht zur Geldpolitik an den Kongress der Fed prognostiziert Notenbankchefin Janet Yellen eine „allmähliche Erhöhung des Zinssatzes für Tagesgelder“. Zugleich ist die Fed bereits dabei, ihre Bestände an US-Schatzanleihen und Hypothekenpfandbriefen abzubauen. Anders ausgedrückt: Die sogenannte quantitative Lockerung wird derzeit in den USA durch eine quantitative Straffung ersetzt.

Die Europäische Zentralbank hat ihre Absichten bisher weniger deutlich gemacht, aber klingt inzwischen deutlich optimistischer, was das Wachstum in der Eurozone angeht. Sie hat erklärt, dass alle mit der Krise verbundenen Arbeitsplatzverluste inzwischen ausgeglichen wurden. Eine Reduzierung der quantitativen Lockerung in der Eurozone wird inzwischen allgemein erwartet. Bei der Bank von England hat Notenbankgouverneur Mark Carney angesichts der Tatsache, dass die Inflation in Großbritannien deutlich über dem Zielwert liegt, für die nahe Zukunft die Notwendigkeit steigender Zinsen betont.

Klar ist freilich, dass die Notenbanker nervös sind, was ein rasches Vorgehen angeht, und dass sie sich Sorgen machen über die potenziellen Auswirkungen einer Straffung ihrer Politik auf die Finanzmärkte. Und das möglicherweise zu Recht. Die Zinssätze waren für lange Zeit ultraniedrig. Die letzte Zinserhöhung gab es in London vor einem Jahrzehnt. Für die meisten Trader in den Banken ist das antike Geschichte.

Man spürt also, dass die Währungsbehörden sehr darauf bedacht sind, den Boden für ihre nächsten Schritte zu bereiten. Sie sind überzeugt, dass eine Beeinflussung der Erwartungen dabei von entscheidender Bedeutung ist. Wenn die Märkte einen Zinsschritt erwarten, werden sie einige der erforderlichen Anpassungen vorwegnehmen, was die potenziellen Kosten der Änderung verringert.

Die Notenbanker haben bisher anständige Arbeit bei der Steuerung der Markterwartungen geleistet, jedenfalls in den USA. Es kann im Finanzsektor kaum jemand geben, der überrascht sein wird, wenn die Fed die Zinsen in diesem Jahr erneut anhebt.

In Großbritannien ist es komplizierter, die Öffentlichkeit auf einen Zinsschritt vorzubereiten. Das vom geldpolitischen Ausschuss der Bank von England genutzte Abstimmungssystem erschwert es dem Gouverneur, zu wissen, wann sich eine Mehrheit für eine Straffung der Zinspolitik herausbilden wird, und die Ansichten einiger Ausschussmitglieder schwankten in den letzten Monaten hin und her. Trotzdem hat Carney sein Möglichstes getan, um deutliche Hinweise auf seine eigenen Absichten zu geben.

Doch obwohl die Finanzmärkte möglicherweise vorbereitet sind: Können wir dasselbe für Privatpersonen, Haushalte und Kleinunternehmen sagen? Die Verschuldung der Verbraucher bleibt vielerorts hoch, und es gibt in Großbritannien kaum Anzeichen, dass die Aussichten auf höhere Zinsen die Verbraucher von der Aufnahme weiterer Schulden abschrecken. Es besteht eindeutig die Gefahr, dass die Verbraucher deutlicher auf Zinsveränderungen reagieren, wenn diese irgendwann eintreten.

Natürlich wenden sich die Notenbanken normalerweise nicht direkt an die Verbraucher. Sie müssen sich darauf verlassen, dass ihre Botschaften durch mehrere Hände gehen, bevor sie den Mann oder die Frau auf der Straße erreichen, u. a. Funk, Fernsehen und Journalisten, die über persönliche Finanzfragen berichten. Die Bank von England hat in jüngster Zeit Bemühungen unternommen, die Verbraucher anzusprechen, doch ihre unmittelbare Reichweite ist unweigerlich bescheiden.

Und es gibt Anzeichen dafür, dass die Mitteilungen der Notenbanken für den Konsumentenmarkt nicht besonders gut geeignet sind. In einer interessanten aktuellen Rede hat Andy Haldane, Chefökonom der Bank von England, auf Umfrageergebnisse darüber verwiesen, wie gut die Notenbanken von der Bevölkerung, die sie zu beeinflussen suchen, verstanden werden. Die Wissenschaftler haben die Lesekompetenz betrachtet, die erforderlich ist, um Veröffentlichungen der Notenbanken zu verstehen, und den Anteil der Bevölkerung, der über diese Lesekompetenz verfügt.

Die Ergebnisse sind alarmierend. Während etwa 70% der Bevölkerung eine Wahlkampfrede von Donald Trump verstehen können und 60% die Bedeutung des Textes eines Elvis-Presley-Songs erfassen, verfügen nur 2% über die notwendige Lesekompetenz, um die Protokolle des Offenmarktausschusses der Fed (FOMC) zu verstehen.

Nun könnte man vernünftigerweise sagen, dass man von Max oder Martina Mustermann nicht erwarten kann, dass sie ihre Samstagabende mit der Lektüre von FOMC-Protokollen verbringen. Doch lediglich gut 20% der Bevölkerung können verstehen, was die Massenmedien über die Geldpolitik schreiben.

Und dieses Problem betrifft nicht nur die Fed. Die Protokolle des geldpolitischen Ausschusses der Bank von England sind von ihrem Stil her etwas volkstümlicher gehalten als die der Fed, aber nicht viel. Die Campaign for Plain English, eine Interessengruppe, hat die Aussagen der Bank als „wertloses, undurchdringliches Geschwätz“ bezeichnet. Es gibt keine vergleichbaren Statistiken oder Urteile über die EZB, aber ich wäre überrascht, wenn die Ergebnisse dort anders aussähen.

Die Ergebnisse sind enttäuschend für die Notenbanker, die – man muss es ihnen zugutehalten – ihre Kommunikation in den letzten Jahren verbessert haben. Vor nicht allzu langer Zeit war der Gouverneur der Bank von England stolz darauf, seine Entscheidungen durch ein gewisses Maß an Unklarheit zu verschleiern. In den letzten 20 Jahren ist diese zänkische Einstellung verschwunden. Doch sind, so Haldanes Schlussfolgerung, weitere Anstrengungen erforderlich.

Die Menschen erhalten ihre Nachrichten heute auf unterschiedliche Art und Weise, und die Notenbanken, so Haldane, „müssen dafür sorgen, dass sie die Teile der Gesellschaft erreichen, die sie bisher nicht erreicht haben, indem sie Medien nutzen, die sie bisher nicht genutzt haben, und gleichermaßen Gespräche führen wie überzeugen“. Trump hat gezeigt. dass er das kann, wenn auch häufig mit schädlichen Ergebnissen. Der Anfang nächsten Jahres ernannte Notenbankchef – egal, ob es sich dabei um Janet Yellen oder jemand anderen handelt – sollte in Betracht ziehen, dem Kommunikationsweg zu folgen, den Trump gebahnt hat.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

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