1

Psychedelische Lösung bei Depressionen?

ZÜRICH – Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation sind weltweit geschätzte 350 Millionen Menschen von Depressionen betroffen, die damit zu den häufigsten psychiatrischen Erkrankungen zählen. Doch nur etwa die Hälfte derjenigen, die eine Behandlung mit Antidepressiva versuchen, sprechen auch darauf an und wenn das der Fall ist, kann es mehrere Wochen oder Monate dauern, bevor  eine Besserung eintritt – ein gravierender Mangel im Falle von Menschen, die sich in unmittelbarer Suizidgefahr befinden. Rasch wirksame Antidepressiva sind daher dringend erforderlich.

Ketamin ist derzeit der aufsteigende Stern der Depressionsforschung - dabei handelt es sich um ein Medikament, das in erster Linie als Narkosemittel in der Veterinärmedizin sowie als kurzzeitig wirkendes Narkose- und Schmerzmittel in Krankenhäusern während einer Operation oder im Zuge anderer schmerzhafter Eingriffe Verwendung findet. Die Substanz scheint die schlimmsten Symptome einer Depression innerhalb von Minuten oder Stunden zu lindern und dies sogar bei Patienten, die nach anderen Behandlungen eine düstere Bilanz aufweisen.

Aleppo

A World Besieged

From Aleppo and North Korea to the European Commission and the Federal Reserve, the global order’s fracture points continue to deepen. Nina Khrushcheva, Stephen Roach, Nasser Saidi, and others assess the most important risks.

Im Rahmen der ersten kontrollierten Studie berichteten die Forscher von einem Rückgang der Depressionssymptome um 50 Prozent innerhalb von zwei Stunden nach einer Ketamin-Infusion. Ein Drittel der Patienten war innerhalb eines Tages praktisch symptomfrei. Überdies berichteten Patienten schon 40 Minuten nach der intravenös verabreichten Infusion des Arzneimittels von nachlassenden Selbstmordgedanken. Bei manchen Patienten kann die Wirkung einer einzigen Dosis über eine Woche anhalten.

Nicht nur Ärzte untersuchen das Potenzial von Ketamin. Neurowissenschaftler preisen es als den ersten Durchbruch in der Medikamentenforschung bei Depressionen seit 50 Jahren. Im Gegensatz zu herkömmlichen Antidepressiva – die man einsetzt, um die Konzentrationen der Neurotransmitter Serotonin, Dopamin oder Noradrenalin zu erhöhen – beeinflusst Ketamin das Glutamat-System. Glutamat ist der wichtigste exzitatorische Neurotransmitter und spielt eine zentrale Rolle bei der Vermittlung beinahe aller Formen der Gehirnfunktion  wie Lernen, Gedächtnis,  Kognition und Emotion.

Ketamin blockiert die Bindung von Glutamat an den NMDA-Rezeptor, wodurch es zu einer erhöhten Freisetzung von Glutamat kommt. Dadurch werden andere Arten von Glutamat-Rezeptoren aktiviert und Funktion sowie Dichte der Synapsen (der Verbindungen zwischen Neuronen) in jenen Hirnarealen verstärkt, wo Stress und Depression eine Atrophie der Zellen verursacht haben. Die gesteigerte synaptische Plastizität – also die für eine gesunde Hirnfunktion unabdingbare Fähigkeit der Synapsen, ihre Stärke anzupassen - könnte der neurobiologische Grund für den offenkundigen therapeutischen Effekt bei Patienten sein.

Doch obwohl die vielversprechende Wirkung von Ketamin unter Ärzten und Neurowissenschaftlern für Aufsehen sorgt, hat sie aufgrund der möglicherweise schädlichen Nebenwirkungen des Medikaments auch Kontroversen ausgelöst. Abhängig von der Dosis kann ein Patient veränderte physische, räumliche und zeitliche Zustände erleben. Größere Mengen an Ketamin können Halluzinationen und das Gefühl einer Auflösung der körperlichen Grenzen hervorrufen.

Interessanterweise könnten die psychoaktiven Eigenschaften von Ketamin für seine stimmungsaufhellende Wirkung verantwortlich sein. Die in den 1960er und 1970er Jahren beliebten psychedelischen und psycholytischen Behandlungen – danach schränkte man die Forschung erheblich ein und das Interesse am klinischen Nutzen der Psychedelika verblasste – diese Behandlungen also erfolgten auf Grundlage der Vorstellung, dass die arzneimittelinduzierte psychische Erfahrung maßgeblich zur Erleichterung des psychotherapeutischen Prozesses beitrug. 

Dieser Ansicht zufolge könnte der durch Ketamin hervorgerufene veränderte Bewusstseinszustand – vor allem die Auflösung körperlicher Grenzen und die Erfahrung des Eins-Werdens mit der Welt – für den Patienten eine tiefgreifende und bedeutungsvolle Erfahrung darstellen. Die Integration dieser Erfahrung in den psychotherapeutischen Prozess könnte spätere Verhaltensänderungen erleichtern. Mit anderen Worten: Arzneimittel wie Ketamin, das die Neuroplastizität rasch steigert, sind womöglich in Kombination mit psychotherapeutischen Interventionen klinisch besonders effizient. 

Unglücklicherweise haben wissenschaftliche Untersuchungen an Ketamin-Abhängigen und Personen, die es in hohen Dosen als Partydroge einnehmen, ergeben, dass der Wirkstoff zu Lern- und Wahrnehmungsproblemen sowie Gedächtnisstörungen führen könnte. Ein weiteres Problem ist, dass sich die Vorteile von Ketamin als relativ flüchtig erweisen können. Aus diesem Grund wird sich Ketamin in seiner derzeitigen Form möglicherweise nie zu einer anerkannten Behandlung von Depressionen entwickeln.

Tatsächlich wäre die Zukunft von Ketamin als Therapie von Depressionen auch bei stärkerer Untermauerung seiner Wirksamkeit ungewiss. Da Ketamin seit Jahrzehnten verfügbar ist, gibt es kein Patent dafür. Daher haben pharmazeutische Unternehmen auch wenig finanziellen Anreiz an diesem Arzneimittel zu forschen und um seine Zulassung als Antidepressivum anzusuchen.   

Support Project Syndicate’s mission

Project Syndicate needs your help to provide readers everywhere equal access to the ideas and debates shaping their lives.

Learn more

Dennoch könnten wissenschaftliche Untersuchungen zur Chemie von Ketamin beitragen, Mechanismen zur Behandlung therapieresistenter, auf glutamatgesteuerter Neuroplastizität basierender Depressionen zu identifizieren. Tatsächlich haben pharmazeutische Unternehmen bereits begonnen, andere NMDA-Rezeptor-Antagonisten sowie weitere Wirkstoffe die auf einen anderen Teil des Glutamat-Systems wirken, als mögliche Behandlung von Depressionen zu untersuchen. Diese Forschungen könnten letztlich zu einer vollkommen neuen Klasse von Antidepressiva führen  - und Millionen Menschen weltweit Linderung verschaffen.  

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier