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Europa in Splittern

PRINCETON: Die europäischen Führungen – die derzeit mit den Folgen eines weiteren gescheiterten Gipfeltreffens zu kämpfen haben – sollten hart darüber nachdenken, wie ihr Kontinent und die Welt aussehen könnten, wenn sie weiter unzulängliche Lösungen für die Finanz- und Wirtschaftsprobleme Europas produzieren. Was würde auf den Zerfall der Eurozone und damit fast mit Sicherheit auch der Europäischen Union folgen?

Der beste Ort, um diese Frage zu überdenken, wäre nicht Brüssel, sondern Tiraspol, die Hauptstadt jenes Gebildes, das sich selbst als Transnistrische Moldawische Republik oder kurz als Transnistrien bezeichnet. Dieses Splittergebiet mit einer Bevölkerung von einer halben Million Menschen entstand Anfang der 1990er Jahre nach Auflösung der Sowjetunion (Bevölkerung: fast 300 Millionen), als es sich von der Republik Moldau (Bevölkerung: 4 Millionen) abspaltete, die sich ihrerseits in den 1940er Jahren von der Ukraine (Bevölkerung: 50 Millionen) getrennt hatte.

Transnistrien hat seine eigene Regierung und sein eigenes Parlament, eine Verfassung, Flagge und eine mitreißende Nationalhymne sowjetischen Stils; und natürlich wäre seine nationale Identität nicht volkständig ohne eigene Währung. Dieses politische Gebilde ist in der politischen Welt ein genaues Gegenstück zu dem bekannten physikalischen Phänomen der Zersplitterung oder Fissur: Eine große Oberfläche zerbricht unter Druck in große Stücke, aber dann setzt sich ihr Zerfall in immer kleinere Fragmente fort.

Von den sechs großen EU-Mitgliedsstaaten hat nur Frankreich ein wirklich klar definiertes zentralisiertes politisches System. Der polnische Zentralismus kommt dem nahe, doch bestehen in Polen ausgeprägte regionale Unterschiede fort – ein Erbe der drei großen und ganz unterschiedlichen kaiserlichen Systeme, zu denen die verschiedenen Teile, die das heutige Polen bilden, im 19. Jahrhundert gehörten.