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Wackelige Gesellschaftsverträge

LONDON – „Bereichert euch“, trug Deng Xiaoping seinen Landsleuten auf, als er anfing, Mao Zedongs gescheitertes sozialistisches Modell zu demontieren. Tatsächlich haben die Eliten überall stets nach dieser Maßgabe gelebt, und den einfachen Leuten hat es nicht sehr viel ausgemacht, solange die Eliten ihren Teil des Deals erfüllen: das Land gegen seine Feinde zu verteidigen und die Lebensbedingungen zu verbessern. Dieser implizite Gesellschaftsvertrag ist nun durch den Zusammenbruch der Wirtschaft gefährdet.

Selbstverständlich können die Vertragsbedingungen je nach Ort und Zeit unterschiedlich sein. Im Europa des neunzehnten Jahrhunderts wurde von den Reichen Sparsamkeit erwartet. Deutlich sichtbarer Konsum wurde vermieden. Die Reichen sollten einen großen Teil ihres Einkommens sparen, da Sparen die Mittel für Investitionen bereitstellte und als moralische Tugend galt. Und in den Tagen vor dem Sozialstaat wurde von den Reichen auch erwartet, wohltätig zu sein.

In der Kultur der Möglichkeiten der Vereinigten Staaten wurde deutlich sichtbarer Konsum schon eher geduldet. Hohe Ausgaben waren ein Zeichen für Erfolg: Was die Amerikaner von ihren Reichen erwarteten, war deutlich sichtbares Unternehmertum.

Auch unterscheiden sich Gesellschaften darin, wie wohlhabend sie ihre Eliten werden lassen, sowie in ihrer Duldung der Mittel, mit denen das Vermögen erworben und genutzt wird. Eine Trennlinie verläuft zwischen Gesellschaften, die die Selbstbereicherung durch Politik dulden, und jenen, die verlangen, dass die beiden Sphären voneinander getrennt bleiben.