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Zwischentöne in Grau

Man muss sich die Ergebnisse der jüngsten Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen schon sehr genau anschauen, um in der Rubrik „Sonstige“ das Resultat der „Grauen“ zu finden: Sie erzielten 0,1% der Stimmen. Anders gesagt, einer von 1.000 Wählern gab ihnen seine Stimme, um für die mehr als 30% Rentner und Alten dieses Bundeslandes zu sprechen. Das „Generationsbewusstsein“ ist, anders als das „Klassenbewusstsein“ vergangener Tage, offensichtlich kein entscheidender Faktor für die politischen Präferenzen der Menschen. Viel mehr „Graue“ stimmten für die Grünen als für ihre „eigene“ Partei.

Dies ist eine wichtige Tatsache. Die meisten Europäer – und viele Menschen in anderen Teilen der Welt – leben in rapide alternden Gesellschaften. Kindergärten und Schulen werden geschlossen, während Altenheime und Hospize nur so aus dem Boden schießen. Die steigende Lebenserwartung prägt – im Verbund mit niedrigen Geburtenraten – die Demografie fast aller wohlhabenden Länder. Falls es nicht zu einer dramatischen Trendwende kommt, wird bis Mitte des Jahrhunderts etwa die Hälfte der Bevölkerung aus altersbedingten Gründen wirtschaftlich inaktiv sein.

Dieser Trend wird viele Folgen haben, am offenkundigsten für den Sozialstaat, und hier insbesondere in Bezug auf die Renten und das Gesundheitswesen. Während die Ausgaben für beide rapide steigen, nimmt die Anzahl der Erwerbsbeschäftigten, die dafür aufkommen müssen, stetig ab.

Entsprechend erscheint der „Generationenvertrag“ zunehmend weniger lebensfähig, denn wir können uns nicht länger darauf verlassen, dass die heutigen Arbeiter für die heutigen Rentner aufkommen werden. Versicherungssysteme, bei denen die Ansprüche auf vom Einzelnen eingezahlten Beiträgen beruhen, nehmen zunehmend den Platz der staatlichen Gesundheits- und Rententräger ein. Dies ist ein profunder Wandel, der in der Übergangsphase große Spannungen hervorruft.