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Kultur ist sexy

Warum gibt es Kultur? Was bringt die Menschen dazu, Gedichte zu schreiben, zu malen oder zu singen? Die meisten Menschen, die derartigen Aktivitäten nachgehen, würden hierauf vermutlich etwa so antworten: „Weil es mir Spaß macht.“ Oder: „Weil es mir Befriedigung gibt.“ Oder vielleicht auch: „Ich fühle mich verpflichtet, mein Talent nicht zu vergeuden.“ Sie neigen zu der Ansicht, dass Kultur die Existenz eines Seelentyps reflektiert oder Ausdruck menschlicher Intelligenz und Kreativität ist.

Die Naturwissenschaften haben – wie so oft – eine banalere Antwort, die mit natürlicher Auslese zu tun hat. In seinem bahnbrechenden Werk zur Evolution, Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder die Erhaltung der begünstigten Rassen im Kampf um’s Dasein, gebrauchte Charles Darwin den häufig zitierten Ausdruck „Survival of the fittest“ – und die meisten Menschen finden es durchaus einleuchtend, dass besondere Stärke oder Schnelligkeit oder die Fähigkeit, Hunger, Hitze oder Kälte zu trotzen, die Chancen, zu überleben, verbessern können. Auch die Intelligenz fällt in diese Kategorie. Aber herausragende kulturelle Leistungen in die Gruppe der Eigenschaften zu zwingen, die uns besonders „fit“ machen, ist weniger einfach und erfordert eine Menge Fantasie.

 1972 Hoover Dam

Trump and the End of the West?

As the US president-elect fills his administration, the direction of American policy is coming into focus. Project Syndicate contributors interpret what’s on the horizon.

In seinen späteren Arbeiten führte Darwin ein weiteres Auswahlkriterium ein, das möglicherweise ebenso bedeutsam ist, aber sehr viel weniger Aufmerksamkeit erfahren hat: Paarungspräferenzen, oder sexuelle Auslese. Sein Grund hiervor war es, die offensichtlich hinderlichen Schwanzfedern des männlichen Pfaus und die scheinbar nutzlose Mähne männlicher Löwen zu erklären. Diese Charakteristika verringern die Chance ihres Trägers, zu überleben, anstatt sie zu erhöhen, aber haben sich offensichtlich über Generationen hinweg durchgesetzt. Also, argumentierte Darwin, müssen sie die Wahrscheinlichkeit zusätzlicher Nachkommen erhöhen, indem sie die Männchen für ihre Partnerinnen attraktiver machen.

Da Darwin nicht glaubte, dass für weibliche Pfauen und Löwen bei der Partnerwahl rein ästhetische Gesichtspunkte den Ausschlag geben, musste er einen rationalen Grund finden, dass die Weibchen Männchen mit derart hinderlichen Eigenschaften bevorzugten. Genau die Tatsache, so seine Überlegung, dass diese Merkmale ihren Trägern das Leben erschweren, signalisiert potenziellen Partnern, dass Tiere, die mit ihnen relativ gut zurechtkommen, besonders gute Gene haben und also vermutlich starke Nachkommen zeugen. Sie sollten daher bevorzugte Partner sein.

Evolutionsbiologen haben das Konzept inzwischen ausgeweitet. Falls jemand schwierige Dinge tun kann – nicht nur Pfauenschwanzfedern oder eine lange, dunkle Mähne tragen, sondern auch Tätigkeiten ausführen kann, die viel Praxis erfordern, ohne zur körperlichen Fitness und zum Überleben beizutragen – und trotzdem am Leben bleibt, muss dieses Individuum außergewöhnlich gute Gene haben. Dies macht es sexuell attraktiv.

Kultur – zumindest jene Form der Kultur, auf die wir stolz sind, anstatt sie zu bespötteln – ist hochgradig elitär. Wir bewundern die Besten, und nur die Besten – entsprechend dem jeweiligen kulturellen Standard zu einem bestimmten Zeitpunkt. Es hilft nicht besonders, Schlager oder Opernarien in der Badewanne zu trällern – Sie müssen imstande sein, ein großes Publikum anzulocken, die Ihnen zuhört und zujubelt, um sich als Mitglied der Elite zu qualifizieren.

Auch ein Amateurmaler erhöht seine Attraktivität wenig, verglichen mit einem van Gogh oder Picasso. Dasselbe gilt für Schriftsteller. Eine bei einem Selbstkostenverlag aufgelegte Autobiografie bringt sie nicht nach oben; Sie müssen schon Nobelpreisträger sein oder zumindest Verfasser einiger gut besprochener Bücher. Unterm Strich gilt: Viele werden gerufen, aber nur wenige ausgewählt. Es ganz nach oben zu schaffen, erfordert nicht allein Talent und Glück, sondern auch eine Menge Übung – und das heißt vom Gesichtspunkt des Kampfes ums Überleben: verschwendete Zeit.

Auch Sport ist in dieser Hinsicht eine Form von Kultur, wenn auch eine, über die jene, die Tätigkeiten wie klassischer Musik oder ernsthafter Literatur nachgehen, häufig spötteln. Die meisten Sportarten tragen zweifellos zur körperlichen Fitness bei – so wie einige andere Verkörperungen von Kultur, wie etwa Ballett. Aber was wir an einem Spieler, der Außerordentliches mit dem Ball anstellen kann, bewundern, ist seine abseits des Spielfeldes völlig nutzlose Technik, die zur Perfektion zu führen tausende von Stunden der Übung erfordert hat.

Natürlich werden hierbei nur die Besten zu Dorf- oder Nationalhelden. Ein ambitionierter Fußball- oder Basketballspieler in der untersten Liga erntet eher Spott als Ruhm. Es muss schwierig sein und enorme Anstrengung erfordern, jene einzigartigen Fertigkeiten zu erwerben, die den Superstar auszeichnen und ihm den Respekt und die Bewunderung der Gesellschaft eintragen.

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Folgt man dieser Argumentation, so ist das, was den Dichter, Maler oder Sänger attraktiv macht, die Nutzlosigkeit, verbunden mit der Schwierigkeit, seines Tuns. Je schwieriger und nutzloser das Handeln, desto besser und sexuell attraktiver wird der Ausführende. Natürlich braucht man sich dabei des unterschwelligen Wunsches nach sexueller Attraktivität überhaupt nicht bewusst zu sein. Die Mechanismen funktionieren auch so. Der Dichter, Maler oder Sänger mag glauben, sein Tun beruhe auf hochgeistigen Motiven – Wissenschaftler wissen es besser.

Dabei ist Wissenschaftler sein auch nicht einfach! Allerdings: Folgt man der Logik der natürlichen Auslese, braucht der Naturwissenschaftler zur Steigerung seiner sexuellen Attraktivität nur dafür zu sorgen, dass die Ergebnisse seiner Arbeit völlig nutzlos sind.