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Sex und Überwachung

NEW YORK – Heutzutage ist es unmöglich, über Sexskandale oder Sexualverbrechen zu hören – sei es im Zusammenhang mit Dominique Strauss-Kahn oder dem ehemaligen Governeur von NewYork, Eliot Spitzer, mit dem italienischen Premier Berlusconi oder dem halben Dutzend Kongressabgeordneten, deren Karrieren in den letzten zwei Jahren endeten -, ohne darüber nachzudenken, wie sie ans Tageslicht kamen. Was bedeutet es, in einer Gesellschaft zu leben, in der Überwachung omnipräsent ist?

Die Überwachung in westlichen Demokratien nimmt stetig zu, ohne dass die Bürger angemessen darauf reagieren können. In den USA zum Beispiel wird der Patriot Act von George W. Bush infolge Hinterzimmer-Abmachungen verschärft. Die Amerikaner wollten das nicht, und sie wurden nicht gefragt, als das Gesetz von ihren Repräsentanten unter dem Druck einer Regierung erlassen wurde, die nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 mehr Macht verlangte. Aber das scheint irrelevant zu sein.

In den USA – und im Vereinigten Königreich – kann man konzertierte Anstrengungen beobachten, das Thema Überwachung als positiv darzustellen. Fahrgäste der New Yorker U-Bahn werden informiert, dass ihre Taschen stichprobenartig untersucht werden könnten. Aktivisten in Amerika gewöhnen sich daran, dass ihre E-Mails gelesen und ihre Telefongespräche abgehört werden. Die Telekommunikationsgesellschaften Verizon und AT&T haben bereits Bereiche in ihren Geschäftsräumen für Abhöraktivitäten der nationalen Sicherheitsbehörde zur Verfügung gestellt.

Die Flut von Sexskandalen steht für einen Grad an Korruption und Verfall, der ernsthafter ist, als die meisten Kommentatoren zu begreifen scheinen. Natürlich müssen Sexdelikte geahndet werden, aber zumindest in Amerika scheitert eine Karriere nach der anderen an einvernehmlichen Affären.