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Schulen der Entwicklung


Am 21. September 1832 schockte Maria Stewart, die erste amerikanische Frau, die einen öffentlichen Vortrag hielt, in der Franklin Hall in Boston das lokale Publikum, als sie sich erhob und sprach. Was veranlasste sie dazu, sich so dreist über Anstand und soziale Normen hinwegzusetzen? ,,Töchter Afrikas, erwachet! Erhebt euch!", rief sie und forderte Schulbildung für schwarze Mädchen in den Vereinigten Staaten.


Wie so oft stellt sich heraus, dass unsere Vorfahren Recht hatten. Hätte Maria Stuart, selbst Afro-Amerikanerin, damals gewusst, was wir heute über Entwicklung wissen, wären ihre Forderungen heute die Gleichen wie damals. Sämtliche Beweise, die wir in den letzten 30 Jahren in der akademischen und politischen Forschung zusammengetragen haben und alle Erfahrungen aus unseren Entwicklungsbemühungen bestätigen, was unsere Vorfahren von Haus aus wussten: Schulbildung für alle Kinder - arme, reiche, weiße, schwarze, Buben, Mädchen - bedeutet gesündere Babys, stärkere Familien, wohlhabendere Volkswirtschaften und lebendigere Demokratien.

Würde man die Führungselite in den ,,Tigerstaaten" Südostasiens nach ihrem Geheimnis für rasche Entwicklung fragen, wäre die Antwort überall dieselbe: Das vorrangige Ziel ist es, in die Bevölkerung zu investieren. Das macht Entwicklung grundsätzlich aus: Investitionen in die Menschen und ihr Fortkommen.


Wo steht die Welt aber heute? In den reichen Ländern, in den ehemaligen kommunistischen Staaten und in den Tigerstaaten Asiens verfügen beinahe alle Menschen über Schulbildung und die Alphabetisierungsrate erreicht beinahe 100 %. Auch reiche Menschen in armen Ländern haben Schulbildung. Den Armen in armen Ländern geht es allerdings ebenso wie manchen Armen in reichen Ländern sehr schlecht. Angesichts der 3 Milliarden Menschen auf der Welt, die mit 2 Dollar am Tag oder weniger auskommen müssen, bleibt diese Bildungskluft weiterhin offen.

Schätzungen gehen davon aus, dass 113 Millionen Kinder im Schulalter keine Schule besuchen. 97 % dieser Kinder leben in Entwicklungsländern. Diese Zahlen sind schon schlimm genug, aber die Situation verschlechtert sich noch immer. Wie aus dem UNO-Entwicklungsbericht hervorgeht, gehen 20 % aller Kinder in den ärmsten Ländern nicht zur Schule. In den Ländern südlich der Sahara liegt dieser Wert bei unglaublichen 40 %.

Hinzu kommt, dass es laut UNO-Entwicklungsbericht in 24 Ländern kaum oder gar keine Fortschritte - wenn nicht sogar Rückschritte - hinsichtlich der Erreichung des Milleniums-Entwicklungsziels einer universellen Grundschulbildung gegeben hat. Man kann sich vorstellen, wie verheerend die Bedingungen in den 93 Ländern sind, in denen zu diesem Thema nicht einmal Daten vorhanden sind. Der Direktor des UNO-Entwicklungsprogramms Mark Malloch-Brown drückt es so aus: ,,Wir verlieren die Schlacht um die Grundschulbildung."

In den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts unterlief uns in der Entwicklungshilfe ein schwerer und auch kostspieliger Fehler, indem wir die nationalen Regierungen unter Druck setzten Schulgeld einzuheben, um für ausgeglichene nationale Haushalte zu sorgen. Manche Untersuchungsergebnisse wiesen damals darauf hin, dass Schulgelder zu einer Dezentralisierung im Bildungswesen führen könnten - ein hehres Ziel - und arme Länder dazu veranlassen könnten, nicht ,,über ihre Verhältnisse" zu leben (eine widerliche Forderung im Zeitalter des globalen Wohlstandes). Diese Politik war im Grunde ein Desaster für die wehrlosesten Kinder: Schuldgeld bedeutete, dass Schulbesuch nicht mehr möglich war.

Jüngste Daten aus Uganda und Kenia beweisen, wie teuer uns dieser Irrtum zu stehen kam. Nach dem Schuldennachlass im Jahr 2000 entschied man sich in Uganda das Schulgeld abzuschaffen woraufhin sich die Anzahl der Schüler beinahe verdoppelte. Nachdem die neue kenianische Regierung unter Präsident Mwai Kibaki die Abschaffung des Schulgeldes ankündigte, kamen innerhalb von ein paar Tagen 1,2 Millionen Kinder in den Unterricht.

Wir sind uns im Klaren, was wir für die Bildung unserer Kinder zu tun haben. Wir wissen, dass Grundschulbildung ein kostenloses öffentliches Gut sein soll. Wir wissen überdies, dass Schulmahlzeiten wahre Wunder bewirken und die Eltern dazu bewegen, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Diese Programme decken den Ernährungsbedarf der Kinder und schaffen gleichzeitig auch Absatzmärkte für die landwirtschaftlichen Produkte ihrer Väter und Jobs für manche Mütter. Innovative Initiativen im Bereich der Kinderbetreuung am Land ermöglichen Mädchen den Schulbesuch und durch eine medizinische Grundversorgung - wie Entwurmungsprogramme - kommen chronisch kranke Kinder zur Schule, wo damit sowohl für ihre Bildung als auch für ihre Gesundung gesorgt wird.

Um lokale, nationale und globale Lösungen zu unterstützen wurde bereits seriöse, exemplarische Arbeit geleistet. Das Weltbildungsforum in Dakar, die Weltbank-Initiative ,,Bildung für alle" und auch die Arbeitsgruppe für Bildung des UNO-Milleniums-Entwicklungsprogramms haben enorme Datenmengen für mögliche Lösungsansätze zusammengetragen und stellen auch Budgets zur Verfügung. Die Bildungsministerien in Brasilien, Uganda und in vielen anderen Entwicklungsländern wissen, worauf es ankommt. Was ihnen allen fehlt ist die engagierte politische Unterstützung der Mächtigen dieser Welt.

Die Staats- und Regierungschefs der G-7 treffen sich dieser Tage in Evian um einen gemeinsamen Weg für eine durch unsägliche Gewalt zerrissene Welt zu finden. In einem für Amerikaner stolzen Moment forderte Präsident Bush letzte Woche vom Kongress und den amerikanischen Steuerzahlern mehr Geld - zunächst 15 Milliarden Dollar - für eine bessere Gesundheitsversorgung der Armen. Seine Amtskollegen in Europa und Japan sollten es ihm gleichtun. Die G-7 - die Mächtigsten der Welt von heute - sollten sich darauf einigen, dass Bildung die nächste internationale Priorität wird.

Präsident Bush und seine Frau Laura, selbst eine Bücherfreundin, haben erklärt, diese US-Regierung werde sich der Bildung verpflichten. Mögen sie das Engagement weiterhin aufrecht erhalten, stets aufs Neue inspiriert durch die einleitenden Worte in Maria Stewarts historischer Rede: ,,Oh, sagt nicht, ihr könnt nichts für eure Kinder tun, sagt lieber, mit Gottes Hilfe werden wir es versuchen."